Comment

 SPIEGEL ONLINE, 27.08.2015

Die "Millennium"-Trilogie des verstorbenen Stieg Larsson ist ein Millionenerfolg. Nun erscheint Teil vier - den ein anderer Autor geschrieben hat. Fans, Familie, Freunde streiten: Darf das sein? Eine sehr persönliche Reise zu Beteiligten.

Es war einmal ein Mann mittleren Alters, der mit einer großen Plastiktüte in einem Verlag aufkreuzte. Dort kannte ihn niemand, denn er war nur ein linker Journalist, der für ein winziges Polit-Magazin arbeitete. Wäre er nicht von einem rechtschaffenen Freund des Verlags empfohlen worden, hätte man ihn dort gar nicht vorgelassen.

So nahm sich jemand des Mannes mit den freundlichen Augen hinter runden Gläsern an. Aus seiner Plastiktüte kamen zwei Aktenordner zum Vorschein. Er sagte, darin seien die Manuskripte für zwei Bücher, die miteinander zusammenhingen; das dritte sei in Arbeit und in Kürze fertig. Als gemeinsamer Titel schwebe ihm "Männer, die Frauen hassen" vor.

Ein Mitarbeiter des Norstedts Verlags erklärte sich bereit, die Manuskripte zu lesen. Der Plastiktütenmann sagte noch, er hoffe, dass das Honorar zu seiner Alterssicherung dienen wird.

82 Millionen Käufer, 400 Millionen Euro Umsatz

Plastiktüte, Alterssicherung, der staunenswerte Stieg Larsson, seine Millenium-Trilogie: Ich liebe diese wundersame Erfolgsgeschichte, die mir der Verlagsmitarbeiter erzählt hat.

Ein Jahr später, 2005, kam der erste Band der Millenium-Trilogie auf den Markt. Seither hat sie 82 Millionen Käufer gefunden. 400 Millionen Euro Umsatz sind damit schätzungsweise weltweit erzielt worden. Das ist dreimal soviel wie Henning Mankell in drei Jahrzehnten erschrieben hat. Dazu kommen die Filmrechte, welche die Erben zweimal verkauft haben, einmal in Schweden, einmal in Hollywood.

Ganz schön viel Wunder.

Stieg Larsson ist zu einer eigenen Industrie geworden, zu einer Geldmaschine, und natürlich finden wir alle es tragisch, dass er nichts davon weiß und nichts davon hat, weil er am 9. November 2004 starb. Sein schwaches Herz versagte, überstrapaziert von zu viel Kaffee, viel zu vielen Zigaretten und permanentem Schlafmangel.

Trägt sein Tod zum Millenium-Wahnsinn bei? Keine Ahnung, wahrscheinlich nicht. Soviel ich weiß, interessieren sich Krimileser nicht unbedingt für den Autor. Larssons Stärke ist sein düsteres Universum, in dem der Staat ein Schweinesystem ist. In den Geheimdiensten, in den Konzernen, in den Behörden sitzen Verschwörer und Verbrecher.

Wie so viele Krimiautoren ist Larsson ein Linker. Wie bei vielen skandinavischen Autoren sind die Verbrechen in seiner Trilogie monströs und barbarisch. Aber was wäre das alles ohne Lisbeth Salander, den Freak, den Punk, der nur die eigenen Regeln akzeptiert? Das magere Mädchen mit dem Riesentattoo auf dem Rücken und dem fotografischen Gedächtnis. Die fabelhafte Hackerin, die einen korrupten Industriemagnaten enteignet und etliche Millionen auf ihr Konto umlenkt.

Erst Lisbeth Salander macht den Unterschied zu Mankell, Nesbjö und den anderen skandinavischen Könnern. Sie ist die mythische Figur, die das politisch korrekte Grundmuster sprengt. Sie trägt das Larsson-Imperium. Sie ist der Garant für die Geldmaschine, zu der die Millenium-Trilogie geworden ist.

Heute bebt das Imperium wieder. Heute ist die Auferstehung des Larsson-Universums. Mikael Blomqvist und Lisbeth Salander ziehen wieder los, um von dieser Welt, in der das Böse heimisch ist, zu retten, was zu retten ist. Heute kommt der vierte Band der Millenium-Saga auf den Markt, in 2,7 Millionen Büchern in 26 Ländern.

Aber nicht Larsson hat das Buch geschrieben, wie könnte er. Es handelt sich auch nicht um die ominöse Hinterlassenschaft aus seinem Computer, über die so viel gemunkelt wird. Dieser Band 4 ist ein Wechselbalg, der den Larsson-Aficionados untergeschoben wird. Drinnen mag viel Larsson sein, aber draußen steht Lagercrantz drauf. Und die große Frage ist jetzt: Ist es der weltweiten Larsson-Gemeinde egal - Hauptsache noch ein guter Krimi, Hauptsache, es gibt wieder etwas zu lesen über den spießigen Mikael Blomqvist und die asoziale Anarchistin Lisbeth Salander? Oder will sie Larsson und nur Larsson und sonst niemanden?

Was man darf, was man nicht darf

Los geht ein wildes Spiel, in dem es um viel Geld und Renommee geht. Der Norstedts Verlag ist ein feiner, alter Verlag, 1823 gegründet, der nie zuvor so unverhohlen auf Kommerz gesetzt hat. Auch der Autor, David Lagercrantz, hat einen guten Ruf zu verlieren. In Schweden ist Stieg Larsson ein Nationalheiliger und so nehmen ziemlich viele Schweden an der Diskussion darüber teil, ob man so mit Larsson umspringen darf.

Ich treibe mich seit ein paar Jahren in Stockholm herum, in der wirklichen Welt, in der Stieg Larsson gelebt hat. Ich bin seinen Freunden und seiner Freundin Eva Gabriellson begegnet. Es ist eine eigene Welt, sehr links, sehr moralisch, sehr geschlossen. Um Literatur dreht sich hier wenig, sehr viel aber um Gesinnung. Was man darf, was man nicht darf.

Etliche der alten Freunde melden sich jetzt in schwedischen Blättern zu Wort oder lassen sich von ausländischen Journalisten zitieren. Sie sagen, an Stieg würde "Grabplünderung" betrieben. Die entfesselte Kommerzialisierung hätte Stieg angewidert. Sie finden schrecklich, was passiert. Da Stieg nicht mehr reden kann, ist jeder von ihnen Stieg.

Natürlich kann man der Meinung sein, dass mit Stieg Larsson Schindluder getrieben wird, auch wenn es nicht besonders überzeugend klingt, wenn die alten Freunde so tun, als wüssten sie genau, was Stieg wollen und sagen würde. So plündern auch sie das Grab. Ein paar dieser Freunde haben Bücher über Stieg geschrieben und Dönikes über ihn erzählt, zum Beispiel, dass er gar nicht schreiben konnte und vielleicht sogar die Trilogie nicht selber verfasst hätte. Auch hier ist eine parasitäre Stieg-Larsson-Industrie entstanden.

Die Kronzeugin und Richterin gegen die Larsson-Verwertungsindustrie ist eine Frau, Eva Gabriellson. Mehr als 30 Jahre lang hat sie mit Stieg zusammengelebt. Sie gingen eine linke Kampfgemeinschaft ein, sie waren unbürgerlich und deshalb nicht verheiratet. Der Verzicht erwies sich als verhängnisvoll, als Larsson gestorben war, denn nach schwedischem Gesetz können nur Verheiratete erben. So ging die Witwe leer aus.

Ein Buch, eine Industrie

Auch Eva Gabriellson, eine leise, zurückhaltende, kompromisslose Frau, hat ein Buch über Stieg geschrieben und dazu ein Theaterstück über Lisbeth Salander. So ist sie Teil der Larsson-Industrie, deren Existenz sie beklagt. Die Witwe, die keine sein darf, wütet in schöner Regelmäßigkeit gegen die beiden Zufallserben. Das sind Stieg Larssons Vater und Bruder, die sich Mühe geben, Sinnvolles mit dem Vermögen anzustellen und keineswegs in Saus und Braus leben.

Gabriellson sagt, das seien kleine Leute, und da könne man mal sehen, was das Geld aus ihnen macht. Vater und Bruder gaben dem Fortsetzungsroman ihren Segen. Was in die Kasse kommt, wollen sie spenden. Auch haben sie Gabriellson schon vor Jahren eine Art Abfindung angeboten, was die weit von sie wies. Die beiden Larssons können nicht viel richtig machen, sie sind die Schurken im Streit.

So viel Leid, so viel Zorn und so viel Unversöhnlichkeit schwingen in diesen Auseinandersetzungen mit und vergiften sie. Also höchste Zeit, sachlich zu werden. Ich habe einen inhaltlichen Einwand gegen die Fortschreibung: Eigentlich ist alles erzählt.

In Band 3 steht Lisbeth Salander vor Gericht und bekommt Genugtuung. Seither ist es amtlich, dass sie zu Unrecht in die Psychiatrie eingeliefert wurde und zu Unrecht entmündigt ist. Ihren kriminellen Vater hat sie der Gerechtigkeit zugeführt. Ihr mörderischer Halbbruder ist tot. Der korrupte Psychiater geht ins Gefängnis. Die Kamarilla im Geheimdienst ist erledigt. Ende gut, alles gut.

Dass heute ein Fortsetzungsband mit großem Trommelwirbel auf den Markt kommt, der deutsche Titel lautet "Verschwörung", ist natürlich eine kühle oder auch zynische Geschäftsspekulation. Darüber kann man sich erregen oder lakonisch sagen: So ist der Kapitalismus, mal schauen, was der Markt dazu sagt.

Im "Stern" erscheint an diesem Donnerstag eine gute Geschichte mit der überraschenden Pointe, dass dieses Buch nie hätte geschrieben werden dürfen. Der Autor Stefan Mauss schlägt sich auf Eva Gabriellsons Seite. Das ist okay.

Ich finde auch, dass dieses Buch nicht unbedingt hätte geschrieben werden müssen, aber so ist es nun einmal. Und mir gefällt die Fortschreibung, bei dem David Lagercrantz in die Haut von Stieg Larsson geschlüpft ist. Ich mag die drei Millenium-Bände, deren Charme im Rohen, Ungeschlachten besteht. Ich mag auch den verfeinerten vierten.

Im vierten Band wird Camilla zur zweiten Hauptfigur. Das ist Lisbeths Zwillingsschwester, die bei Larsson kurz aufgetaucht war, aber funktionslos blieb. Camilla ist das Gegenteil von Lisbeth, eine Inkarnation des Bösen, fasziniert von Macht und Gewalt. Außerdem ist sie bildschön und schlägt die Männer reihenweise in Bann. Sie schart Hacker und Auftragsmörder um sich und hat ihr Hauptquartier in Moskau. Die Putin-Welt ist ihr Elixier.

Das manichäische Larsson-Universum bekommt so das ultimative Hass-Duell zwischen der guten und der bösen Zwillingsschwester. Lagercrantz macht aus ihnen zwei Superfrauen, die sich im Internet Wasp und Thanos nennen, mythische Figuren aus den Marvel-Comics, eine eigentlich überflüssige Symbolik, aber nun gut, auch Stieg Larsson hat Science Fiction geliebt und genutzt.

Die Handlung beginnt mit einem schwedischen Wissenschaftler, der über künstliche Intelligenz forscht und von "technologischer Singularität" träumt: von einer Maschine, die dem Gehirn des Menschen nachgebildet ist und den Menschen in den Schatten stellt. Dieser Wissenschaftler lebt nur für seine Wissenschaft, er ist sozial unverträglich und an Geschäften desinteressiert. So macht er es seinen Feinden leicht, ihm Ideen und Dateien zu stehlen und zu verkaufen.

Zu den Schurken gehört ein Google-ähnlicher Internetkonzern und der amerikanische Geheimdienst NSA. Aber auch eine wahrhaft kriminelle Vereinigung schöpft Wissen ab und tötet den Wissenschaftler, als der unbequem wird: Das ist die Camilla-Gang in Moskau.

Diese Machenschaften beobachtet Lisbeth Salander in ihrer riesigen bürgerlichen, karg möblierten Wohnung. Sie surft im Darknet, sie surft im Intranet der NSA, sie ist allgegenwärtig und allwissend. Sie hilft sogar den ratlosen NSA-Jungs auf die Sprünge, bevor sie die Auftragsmörder ihrer Schwester tötet und den autistischen Sohn des ermordeten Wissenschaftlers in Sicherheit bringt. Lisbeth Salander ist ungemein konstruktiv, auch eine nette Pointe.

Die Welt bei Lagercrantz ist weniger schwarz und manchmal blitzt sogar Humor auf. Mir gefällt das, aber hartgesottene Larsson-Fans könnten darin ein Sakrileg sehen. Und Mikael Blomqvist, der ehrenwerte investigative Reporter, das geschönte Ebenbild Stieg Larssons? Er ist anfangs mit sich selber beschäftigt. Sein Blatt "Millenium" steckt in der Krise und er auch. Kein Scoop seit Langem. Grübeln über das Leben. Von Lisbeth hat er lange nichts gehört. Er hängt durch. Aber Lisbeth bringt ihn auf Trab. Sie erzählt ihm, was los ist. Es dauert, bis sie gemeinsam gegen das Böse antreten. Aber dann sind sie unschlagbar wie immer.

Anderthalb Jahre hat David Lagercrantz an "Verschwörung" gearbeitet. Er ist 52 Jahre alt und so ziemlich das Gegenteil von Stieg Larsson. Larsson kam aus kleinen Verhältnissen und wuchs in der nordschwedischen Provinz auf. Er kämpfte sich heraus, er kämpfte sich hoch, er war lebenslang ein Kämpfer und so schrieb er auch seine Trilogie. Literatur in der Plastiktüte.

Lagercrantz dagegen kommt aus einer feinen Stockholmer Familie, in der es von Philosophen, Schriftstellern und Chefredakteuren wimmelt. Er ist jungenhaft und sportlich, elegant und offenherzig. Er war vielleicht einmal ein Linker, aber maßvoll. Auf Fotos trägt er auffällige Jacketts mit Einstecktuch. Er sieht aus wie jemand, dem vieles leicht fällt. Er ist der Typus Mann, bei dem der Typus Gabriellson ideologisch wird.

Lagercrantz hat beachtliche Biografien über Grenzgänger und Außenseiter geschrieben: über das Zahlen-Genie Alan Turing, der den Code der deutschen Marine im Zweiten Weltkrieg knackte, oder über Zlatan Ibrahimovic, den Fussballweltstar aus kriminellem Milieu. Lagercrantz' Fantasie entzündet sich an Menschen, die völlig anders sind als er. Am Gegensatz. Stieg Larsson passt in sein Beuteschema.

 

Als ich Lagercrantz am Montag traf, tat er so, als ginge ihn die Debatte, ob man Larsson fortschreiben darf, nichts an. Was sollte er auch sagen? Dass er Verständnis für die Puristen hat? Er sagte, er sei einfach hin und weg von dem Auftrag gewesen, die Trilogie zu erweitern. Er brachte seine Kinder Morgen für Morgen zur Schule, setzte sich an den Computer und schlüpfte in Stieg Larssons Haut. Er versuchte, wie dieser zu denken, zu fühlen und zu schreiben.

Ist es ihm gelungen? Darüber entscheidet ab heute die große Larsson-Käufergemeinde. Wird daraus ein Flop, dürfen sich die Puristen bestätigt fühlen. Wird daraus ein Erfolg, gibt es einen Band 5, keine Frage. Denn im Krieg der Zwillingsschwestern ist noch nichts entschieden. Und außerdem sieht es so aus, als ob Lisbeth und Mikael...

Aber lesen Sie doch selbst.

 

 

Comment

SPIEGEL ONLINE, 31. Juli 2015

Exakt 24 Jahre und 10 Monate hat Gerhard Spörl für den SPIEGEL gearbeitet - an diesem Freitag ist sein letzter Arbeitstag. Zum Abschied macht er sich Gedanken über einen zwar anstrengenden, aber dabei um so interessanteren Menschenschlag.

Vor ein paar Tagen saß ich mit Freunden zusammen und habe ihnen davon erzählt, dass ich ein Buch über "Die Unerträglichen" schreiben möchte. Der Titel gefiel ihnen, und jetzt bin ich so gut wie in der Pflicht, es auch wirklich zu schreiben. Es soll ein Lobgesang auf eine schwierige Minderheit sein. Schwierig für die anderen und schwierig für sich selbst. Denn die Unerträglichen sind arrogant. Sie fügen sich nicht in Gruppen ein, sie wollen für sich bleiben. Sie beanspruchen Isolation, sie ziehen es vor, auf ihrem eigenen Planeten zu wohnen. Mehrheiten sind ihnen nicht etwa suspekt, sie scheren sich einfach nicht um sie. Deshalb sind sie schwer zu genießen.

Die Unerträglichen finden Minderheiten interessant. Was nicht aufgeht im Mainstream, dem gehen sie nach. Sie suchen nach Möglichkeiten, wo andere schon aufgegeben haben, danach zu suchen, weil sie weit und breit keine Alternative sehen. Unruhig und fantasievoll sind sie, die Unerträglichen.

Der verdächtige Mainstream

Ich bin mäßig unerträglich. Einer meiner Chefredakteure nannte mich im Zorn mal "sperrig". Ja, na klar, musste eben sein, würde ich sagen. Was ihm missfiel, fand ich in Ordnung. Dass es ihm missfiel, fand ich seltsam.

Meine Sperrigkeit ist kein Dauerzustand. Ich bin einfach zu versöhnlich und folglich zu dauerhafter Unerträglichkeit ungeeignet. Ich muss aber auch nicht ständig im Mainstream schwimmen. Ich bin in der protestantischen Diaspora im katholischen Bayern aufgewachsen, das prägt. Der Mainstream ist mir tendenziell verdächtig. Wenn alle einer Meinung sind, hege ich den Verdacht, dass es sich um Bequemlichkeit handelt, und dann kann es produktiv sein, auch mal andersherum zu denken. Das Kontrafaktische wirkt sich heilsam auf trügerische Mehrheiten aus.

Aber ich weiß schon, dass am Ende Entscheidungen fallen müssen. Irgendwie. Mit der Mehrheit oder sogar gegen die Mehrheit, das gibt es ja auch, manchmal zum Glück für alle. Ich akzeptiere das Ergebnis.

Anders als ich sind die Unerträglichen immer unerträglich. Sie sind Kompromissen nicht nur abgeneigt, sie sind habituell unfähig dazu. Sie gehen ihre eigenen Wege. Das ist kein Spaß für sie, wahrscheinlich wären die meisten von ihnen gern anders. Endlich einmal kompromissgeneigt sein! Glühend vor Glück, der Mehrheit anzugehören! Auch wären sie manchmal gerne einer derjenigen in der Gruppe, in der Konferenz oder im Tennisverein, denen die Mehrheit wie selbstverständlich folgt, weil sie kompetent und konsensfähig auftreten. Die Unerträglichen wären gerne anders. Die Unerträglichen wären gerne Erträgliche.

Nicht, dass sie es nicht ab und zu versucht hätten. Meistens haben sie es ausprobiert, auf beiden Seiten dabei zu sein, beim Mitmachen und beim Ausscheren. Aber das liegt ihnen nicht. Diesen inneren Raum zum Mal-so-mal-so haben sie nicht. Sie können nicht spielen. Ihnen ist es ernst. Sie sind Fatalisten und Deterministen.

Für die Chefs und vor allem gegen sie

Unter den Erträglichen überwiegen die Pragmatiker. Sie kennen die Details und die Optionen. Sie wissen, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, und dass es auf die Interessen oder die Eigenarten des Chefs ankommt, wofür er sich am Ende entscheidet. Sie akzeptieren die Hierarchie und beklagen sich nicht, wenn ihr Plädoyer ungeachtet verhallt. Sie sind Relativisten. Mit ihnen kann man rechnen. Man braucht sie. Das zu wissen, genügt ihnen. Sie leiden nicht an Bedeutungshuberei.

Und dann gibt es in Menschengruppen noch das, was Fontane "die Halben" nennt. Sie sind die Unentschiedenen und deshalb nicht unbedingt berechenbar. Sie fügen sich mal ein, mal haben sie keine Lust dazu. Mal nehmen sie Diskussionen und Beschlüsse ernst, mal nicht. Auch wenn sie nach langem Palaver zustimmen, behalten sie sich das Recht vor, hinterher darüber zu meckern, was da wieder beschlossen wurde und wie unergiebig solche Diskussionen sind. Sie haben immer recht, weil sie einerseits bei der Mehrheit sind und sich andererseits von ihr distanzieren oder zumindest über den Mehrheitsfindungsprozess lästern. Sie sind für die Chefs und vor allem gegen sie. Sie sind launisch. Sie sind Rechthaber. Solche Halben gibt es in jedem Büro, in jeder Konferenz, in jeder Redaktion.

Die Demokratie braucht natürlich alle drei Menschentypen: die Erträglichen, die Unerträglichen und die Halben. Das weiß jeder. Aber wollen Sie ein Buch lesen über die Erträglichen? Die Halben?

Eben.