Seit einer Woche bin ich in Amerika, momentan in Salt Lake City, dem Jerusalem der Mormonen, einer der saubersten Städte im ganzen Land, umgeben von herrlichen Bergen und wunderbaren Tälern. Natürlich reise ich  herum, um mich frisch aufzutanken. Nichts geht über Anschaulichkeit, nichts über Gespräche mit interessanten Leuten, nichts über Empirie. Ich halte Vorträge, werde herumgereicht, wie das eben so ist, wenn unsereins unterwegs ist. Ich habe viele Fragen, ich will ja dazulernen, ich stelle sie auch, aber statt erhellender Antworten prasseln Gegenfragen auf mich ein.

Sie wollen alles über uns wissen, über Angela Merkel, über die Flüchtlinge, ob sie geschwächt aus der Wahl hervorgehen wird, über die deutsche Vormacht in Europa und die Rolle in der Welt, sie fragen, ob wir bald auch so gespalten sein werden wie Amerika, ob es kleine Trumps gibt und ob wir sie in Schach halten können.

Sie bewundern die Bundeskanzlerin, so viel Wertschätzung kommt ihr schon lange zu, aber heute um so mehr. Der „New Yorker“ überschrieb seinen Artikel über Angela Merkel  „Die mächtigste Frau in einer Welt instabiler Männer“. Die noch gestiegene Anerkennung beruht darauf, dass sie charakterlich das genaue Gegenteil von The Donald ist: umpompös, unbombastisch, unlaunisch, analytisch, allzeit beherrscht. In einer Welt der Auflösung wird Kontinuität zu einem Wert an sich.

Was bei uns Deutschen Langeweile oder Überdruss oder Schadenfreude auslöst, auch unter uns Journalisten, wäre aus amerikanischer Sicht ein Segen, eine Erholung von der Dauerberieselung mit infantilem Gerede und blödsinnigen Tweets, von denen sie nicht wissen, wie viel reale Gefahr darin steckt. Ein Lob der Langeweile, sagte gestern jemand im Spaß und meinte es ernst.

Wir Deutsche wünschen uns mehr Politisierung. Wir haben den lauen Wahlkampf und das geringe Maß an Polarisierung beklagt. Wir hätten gerne mehr davon und wir bekommen ja auch mehr davon. Mehr Pathos, mehr Leben in der Bude, mehr Gegensatz.

Seid vorsichtig mit euern Wünschen, lautet ein altes Sprichwort. Meine Gesprächspartner ziehen das Gegenteil vor, sie hoffen inständig darauf, dass Trump der Wendepunkt ist: nach ihm weniger Politisierung, weniger Hass, weniger loses Gerede, weniger Kriegsgeschrei auf Fox News, wo als Journalisten getarnte Politkommissare Fragen mit dem Fallbeil stellen. Mehr Langeweile wäre für Amerika ein zivilisatorischer Fortschritt. 

An einem Nachmittag war ich in der „Salt Lake Tribune“ eingeladen. Das ist eine richtig gute, klassische Tageszeitung, die in diesem Jahr einen Pulitzerpreis für lokale Berichterstattung bekam. Die Trophäe steht in einem Schrein unter Glas. Die Chefredakteurin hatte ungefähr 25 Redakteure mitgebracht. 

Sie waren höflich, sie haben ein paar meiner Fragen beantwortet, ungefähr fünf Minuten lang. Die nächsten 60 Minuten quetschten sie mich aus. Sie wollten wissen, was Deutschland stabil macht. Sie wollten wissen, ob Angela Merkel Überzeugungen hat. Sie kannten sich aus. Ich erzählte ihnen von unserem komplizierten Wahlsystem und vom Zwang zu Koalitionsregierungen, die bisher einigermaßen besänftigend gewirkt hätten, indem sie die Gegensätze eindämmten.

Ich kann mich erinnern, dass unsere politische Stabilität schon einmal in den siebziger Jahren Erstaunen erregte. Briten und Franzosen diskutierten darüber, ob sie ihr Wahlsystem nicht besser ändern sollten. Das Prinzip, wonach der Gewinner alles bekommt und auch der knappste Verlierer leer ausgeht, ist ja eigentlich ungerecht. Hillary Clinton bekam insgesamt mehr Stimmen als Trump, aber nicht in den richtigen Bundesstaaten.

Bei uns ändert sich gerade etwas, habe ich an diesem Nachmittag erzählt und einen kurzen Abriss der AfD-Geschichte gegeben: nationalkonservative Partei mit rechtsradikalen Einschlägen, Produkt von Eurokrise und Merkels  humaner Flüchtlingsaufnahme. Sind das eure Trumps?, wollte ein Redakteur wissen. Ja, das sind sie, ähnliche Systemverachtung, ähnliche Ressentiments, ähnliche Xenophobie, Deutschland zuerst.

Sind die kleinen Trumps heute, was die Grünen damals waren, eben nur von rechts und besser angezogen? Gute Frage. Euer politisches System zwingt so fabelhaft zur Anpassung, bei euch drängt alles zur Mitte, auf die Dauer, sagt ein erfahrener Auslandskorrespondent. Schon wär’s, mal schauen, sagte ich, aber auch, dass ich mir nicht sicher bin, ob es die alte Wirkung auf die neue Formation ausübt.

Am Donnerstagabend hielt ich einen Vortrag im Alta Club, gegründet 1883 von Bergbauunternehmern nach britischem Vorbild, dunkles Holz, hohe Lederstühle sehr gediegen. Eine bunte Auswahl des örtlichen Bürgertums hörte zu, Anwälte, Investmentbanker und Fondsmanager; es ging um das Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika. Danach unterhielt ich mich mit einer prominenten Geologin, die mir erzählte, sie sei eigentlich widerwillig gekommen, sie habe sich aus der Wirklichkeit zurückgezogen („I am disengaged“), sie ertrage das lose Gerede über Krieg und den Irrsinn in Washington nicht mehr. Da gehe sie lieber ihren geologischen Studien nach. Jetzt aber wolle sie mir sagen, dass sie mich darum beneide, dass ich gut regiert würde, sie würde gerne mit mir tauschen.

Es kommt immer wieder vor, dass unsereins im Ausland als Autorität über das, was vor sich geht, angesehen wird. Man gewöhnt sich daran, aber nie ganz. Es ist einfacher, Fragen zu stellen als zu beantworten. Aber diesmal ist es anders, intensiver, anstrengender. Da ist Verzweiflung und Ratlosigkeit zu spüren. Trump treibt vielen Menschen die Zuversicht aus. Deshalb schaut das große Amerika auf das kleine Deutschland und fragt sich, was Amerika falsch macht und was Deutschland richtig. Und das kleine Deutschland sollte einen Gedanken darauf verschwenden, dass es trotz aller Wirrungen und Veränderungen nicht doch ziemlich gut dran ist.

 

 

 

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