Es gibt immer noch viele Gründe, von Amerika beeindruckt zu sein: die klügsten Leute trifft man hier, die größte Kreativität auf Gottes Erdboden, die herrlichste Natur. Es gibt allerdings auch immer mehr Gründe, fassungslos und verständnislos oder verzweifelt über Amerika zu sein. Mir geht es so, wenn ein unauffälliger Mann wie der in Las Vegas zwei Fenster zerschlägt und wahllos in eine Menge schießt und möglichst viele Menschen tötet, bevor er sich endlich selber erschießt. 

Ja, die Beweggründe, warum ein Zeitgenosse, dem niemand Schlimmes zutraut, zum Massenmörder wird, interessieren mich auch, und wir alle sind es ja gewohnt, zivilisiert nach Motiven zu fragen. Was mich aber völlig irritiert ist die Folgewirkung eines solchen Verbrechens: Die Aktienkurse der Waffenhersteller steigen, die Waffengesetze gerade in jenen Bundesstaaten, in denen jeder x-beliebige Politiker vor die Kamera tritt und mit trauerumflorter Stimme sagt, dass seine Frau und er mit den Opfer fühlen und für sie beten, werden nicht etwa verschärft, sondern gelockert. Das soll einer verstehen.

Am 14. Dezember 2012 tötete der 20 Jahre alte Adam Lanza in der Kleinstadt Newton in Connecticut zuerst seine Mutter und danach zwanzig Kinder und acht Erwachsene. Beweggrund: bis heute unerklärbar. Danach überboten sich einige Bundesstaaten in der Eilfertigkeit, neue Gesetze zu erlassen. Am weitesten ging Ohio, das jetzt Waffenbesitzern erlaubt, ihre Pistolen in Kindertagesstätten und an Flughäfen zu tragen.

Warum das so ist, darüber ließe sich lange grübeln. Doch es ist wahrscheinlich einfach so: Die Leute wollen es. In Amerika ist das Argument unschlagbar, wonach weniger passieren würde oder bei Amokläufen die Zahl der Toten geringer wäre, wenn jedermann eine Waffe bei sich hätte, die er jederzeit zücken könnte, um einem Mörder eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Ich bin kein Zyniker und viele von denen, die über Amerika und sein Verhältnis zu Waffen und Gewalt schreiben, sind es auch nicht. Doch wer sich gezwungenermaßen damit beschäftigt, kommt gar nicht daran vorbei, zynische Betrachtungen anzustellen. David Frum war mal George W. Bushs Redenschreiber. Er ist ein gebildeter, freundlicher und gläubiger Mensch. Im „Atlantic“ stellte er einige zynische  Regeln auf, wie Amerika auf Massaker reagiert.

Regel 1: Hat der Mörder seine Waffen illegal erworben, bloß nicht darüber reden, wie leicht es in Amerika ist, Waffen zu kaufen. Die Frage, um die es jetzt geht, lautet: Hätte irgendein Gesetz die barbarische Tat verhindern können? Antwort: natürlich nicht.

Regel 2: Die Diskussion sollte sich unbedingt, wie jetzt nach Stephen Paddocks Massenmord in Las Vegas , auf ungewöhnliche Details konzentrieren. Zum Beispiel auf den Aufsatz aus Plastik, der aus einer halbautomatischen Waffe eine vollautomatische macht, die minutenlanges Dauerfeuer bei einmal durchgezogenem Abzug erlaubt. Paddock hatte sicherheitshalber zwölf  Gewehre mit „bump stocks“ präpariert, weil das Gewehr bei Dauerfeuer heiß laufen kann. Die „National Rifle Association“ (NRA), die den legalen Aufsatz einst „sublim“ genannt hatte, wäre jetzt bereit, ihn zur Disposition zustellen. Ist das nicht wirklich großzügig und einsichtig und toll von dieser Organisation, die so effektiv und so zynisch wie keine andere arbeitet?

Regel 3: Jede Diskussion sollte auf den ehrlichen Waffenbesitzer hinweisen, dem es einzig und allein darum geht, sein Gut und seine Lieben vor bösen Menschen zu schützen. Bloß nicht fragen, ob Pistolen oder Gewehre im Haus sicher aufbewahrt werden, bloß keinen Alkoholtest verlangen wie er bei Leuten, die Lebensmittelgutscheine beantragen, oder jugendlichen Autofahrern gang und gäbe ist.

Als Regel 4 ließe sich ergänzen: Ein Präsident wie Barack Obama ist ein Segen für die Waffenindustrie. Die Verkäufe stiegen, die Aktien stiegen, es war wunderbar. Der Grund? Angst vor restriktiven Gesetzen. Also decken sie sich mit noch mehr Waffen ein. Das ist die zynische Logik eines zynischen Geschäfts mit paranoiden Kunden. Umgekehrt ist Donald Trump für das Wachstum der Branche eine Katastrophe. Die NRA hat ihm 30 Millionen Dollar im Wahlkampf zukommen lassen. Er ist ihr Präsident. Seine wütenden weißen Wähler gehören zu den Waffenkäufern. Der Präsident jammert wie alle über den Blutzoll, den Unschuldige in Las Vegas zahlen mussten, und betet für sie und segnet Amerika für seine Fähigkeit zum Mitleid. Aber er wird den Teufel tun, irgendwelche Gesetze zu erlassen, die Waffenkauf erschweren. Prinzipiell schlecht fürs Geschäft, es sei denn ein Massenmord wie in Las Vegas sorgt für Auftrieb.

Warum ist das so? Auf hiesigen Parties und manchmal auch in den deutschen Zeitungen zählen sie dann die amerikanische Blutstrecke auf: Indianer abgeschlachtet, Schwarze umgebracht und gelyncht bis tief in die 1960er Jahre, Sheriffs und andere Obrigkeiten zugeschaut. Gewalt und Amerika sind eins. Amerika ist auf Gewalt gebaut. Stimmt alles, erklärt aber nicht alles.

Ursprünglich war es in Amerika so, dass die Polizei Waffen auf Antrag genehmigte oder nicht. Geschäftsleute in unsicheren Vierteln durften sie haben, Leibwächter der Reichen und Leute mit Verbindungen bekamen auch Lizenzen. Damit hatte es sich aber auch. Das änderte sich und Florida ging voran.

Im Jahr 1987 wurden dort 40 Prozent mehr Morde begangen als in anderen Bundesstaaten. Also beschloss das Landesparlament, dass gesetzestreue Bürger künftig in den Stand versetzt werden sollten, sich selber zu verteidigen. Die Polizeichefs bekamen die Anweisung, jedem Erwachsenen die Erlaubnis auf Waffenbesitz zu erteilen, es sei denn, gewichtige Gründe sprächen dagegen.

Juristen nennen das die Umkehrung der Beweislast. Fortan musste die Polizei begründen, warum ein Bürger keine Waffen tragen durfte. Bald hatten 35 Bundesstaaten solche Gesetze wie Florida. In Alaska und Arizona kann man Waffen ohne jede Erlaubnis tragen. Und ein anderer Bundesstaat hat überhaupt kein Waffengesetz erlassen, so dass jeder über 16 eine Waffe besitzen kann, wenn er will. Welcher Bundesstaat das ist? Erraten Sie nie: Vermont, die Heimat der Linken.

Niemand ist gerne zynisch, ich schon gleich gar nicht, auch wenn die Zeiten seit Trump/Erdogan/Assad/Putin/Kim Jong-un/Modri nach Zynismus schreien, nach Zynismus als Gegenwehr gegen die Wirklichkeit. Was Paddock und Las Vegas und den amerikanischen Waffenwahn anbelangt, habe ich, wie so oft, Rat bei David Brooks gesucht. Das ist ein eigentlich konservativer Mann mit liberalen Zügen, den dieses neue Amerika fast radikalisiert hat.

Brooks schreibt in der „New York Times“, dass die Waffe für viele Amerikaner Identität stiftet: für Freiheit, Selbstvertrauen und Kontrolle über das eigene Schicksal. Er ordnet diese Symbiose aber in die „populistische Revolte“ ein, die Amerika derzeit heimsuche und Waffen, Einwanderung und Handel zum wütenden Politikum macht.

Dieses weiße Amerika, das in agrarischen wie industriellen Zonen zu finden ist, hat Donald Trump gewählt. Die populistische Revolte ist gegen das Establishment gerichtet, und weil die Revolte nicht nur ökonomisch begründet ist, sondern auch kulturell, kommt  es nicht darauf an, was der Präsident an Veränderungen erreicht – er ist die Veränderung, die beweist, wie korrupt und selbstzentriert und unfähig die Republikanische Partei und der Senat und das Repräsentantenhaus sind. Mit dem Scheitern der Gesetze, die Trump haben will, wird Tag für Tag belegt, wie verrottet das Land ist.

Und was macht man in einem verrotteten Land? Man bewaffnet sich. Man hortet Waffen. Man deckt sich ein. Man bereitet sich vor. Und so kommt es, dass in vier von zehn amerikanischen Haushalten Waffen zu finden sind. Und so kommt es, dass es in Amerika mehr Schützenvereine (Schützen wörtlich zu verstehen) und Waffengeschäfte gibt als McDonald’s. 

 

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