Ein altes koreanische Sprichwort lautet, dass die Krabbe im Kampf der Wale zermalmt wird. Historisch gesehen ist Korea die Krabbe und die drei Nachbarn China, Japan und Russland sind die Wale, die aus der Krabbe nach Belieben eine Kolonie oder einen Vasallen machten. Im Grunde hat sich bis heute daran nichts Entscheidendes geändert, Geographie bleibt nun einmal Geographie, nur dass Nordkorea sich nicht mehr gängeln lassen möchte, auch nicht von China, und Südkorea allergisch reagiert, wenn der amerikanische Verbündete über einen Atomkrieg schwadroniert. Kein Wunder, dass der Wunsch, endlich Subjekt seiner Geschichte zu sein, gewachsen ist.

Die besseren Chancen auf ein höheres Maß an Nicht-Abhängigkeit hat der feiste Knabe in Pjöngjang. Vor sechs Jahren, da war er 27, folgte er auf seinen Vater und hat seither 84mal Raketen testen lassen. So viel man weiß, verfügt Nordkorea über zwanzig bis sechzig Nuklearsprengköpfe und Interkontinentalraketen, die weit entfernte Ziele wie Chicago treffen können. Wenn es gelingt, das eine, die Sprengköpfe, auf das andere, die Raketen, zu bringen, ist Nordkorea endgültig das, was es nicht sein sollte, eine Nuklearmacht. 

In einem hellsichtigen Moment hat Donald Trump gesagt: Ich werde daran gemessen werden, wie ich mit Nordkorea umgehe. Das stimmt, und deshalb will ich jetzt nicht an den gefährlichen Unsinn erinnern, den er auch noch von sich gegeben hat, bei jedem neuen überirdischen oder unterirdischen Raketentest. Nordkorea wird zum geostrategischen Maßstab für diesen Präsidenten, weil die Krabbe nicht mehr Krabbe sein möchte und jetzt von zwei Walen geschützt wird, was den fernen Wal, der gerne ein Hai wäre, in den Wahnsinn treibt.

Das kann ich sogar gut verstehen. Nordkorea ist so ziemlich das letzte Land, das sich die Welt nuklear hochgerüstet wünschen kann. Hinzu kommt, dass wir alle wenig darüber wissen, wie es im Inneren wirklich aussieht und in welchem Zustand Nordkorea ist. Evan Osnos, ein Reporter des wunderbaren „New Yorker“ durfte sich gerade, bestens kontrolliert versteht sich, im Land umtun und mit (ausgewählten) Leuten reden. Er lernte, dass Kim Jong On einen kleinen Schwarzmarkt zulässt, dass eine kleine Mittelschicht entstanden ist und weniger Hunger herrscht als zu Vater Kims Zeiten. 

Am interessantesten fand ich, dass Osnos von den Nordkoreanern die spiegelbildlichen Fragen gestellt bekam, die wir an Nordkorea stellen: Will Trump Krieg? Würde der Kongress zustimmen? Wollen die Amerikaner wirklich, dass unser Land überfallen wird?

Niemand will einen Atomkrieg. Auch wenn der junge Mann in Pjöngjang und der alte Mann in Washington sich kongenial hochschaukeln, wird es soweit nicht kommen. So viel Optimismus soll in dieser Kolumne künftig herrschen und in diesem Geist wird sie sich der Chronik der Ereignisse fortan widmen. Vorneweg drei Punkte und eine Schlussbemerkung:

 

  1. Der Konflikt mit Nordkorea ist ein Vorbote. Die Weltgeschichte verlagert sich nach Asien. Diese Entwicklung ist überfällig, schon Barack Obama hat davon gesprochen, dass der Indische Ozean das Weltmeer des 21. Jahrhunderts sein wird. Dort bilden sich neue Allianzen, und es kommt darauf an, ob sich Amerika in Gestalt von Donald Trump darauf versteht, Japan und Südkorea als Verbündete zu behalten und andere Krabben, wie Vietnam oder Burma, vor dem neuen großen Wal China zu schützen.
  2. Dass ein Präsident im Weißen Haus sitzt, der America first zum Maßstab macht, ist unter diesen Umständen verhängnisvoll. Gefallen daran findet China. Keinen Gefallen an Irrlichterei finden Japan und Südkorea.
  3. Ohne China hätte Nordkorea keine Nuklearwaffen. Richtig spannend könnte es werden, wenn China eines Tages vorschlagen würde: Nordkorea verzichtet auf sein Atomprogramm, falls Amerika seine Truppen und Atomwaffen aus der Region abzieht. Was dann?
  4. Schlussbemerkung: Welche Rolle Europa in dieser Welt spielen wird, hängt von Europa ab. Da ist es ein gutes Zeichen, dass sich die deutsche Bundeskanzlerin als Vermittlerin in Nordkorea anbietet. Momentan ist an Diplomatie nicht zu denken, das kann sich aber ändern. Wir wollen ja nicht die nächste Krabbe sein, oder?

 

 

 

 

 

 

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