Weiß würde sie tragen, die Farbe der Suffragetten, ihrer Heldinnen, die vor mehr als hundert Jahren angefangen hatten, was sie vollenden würde. Natürlich hatte sie auch die Rede im Kopf, die sie halten wollte, wenn sie als erste Frau auf den ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten folgte. Ein Traum. Das Ende eines langen Weges voller Demütigungen und Rückschläge. Aber egal, es stand ihr zu, ihrem Verstand, ihrem Wissen, ihrer Erfahrung, ihrem Können. Und gegen diese Witzfigur, diesen Lügenbeutel, konnte niemand verlieren und sie schon  gar nicht.

Es war in der langen Wahlnacht zum 9. November 2016. Hillary Clinton schlief kurz ein und als sie wieder zu sich kam, da wusste sie, dass sie nicht weiß tragen würde und eine andere Rede halten musste. Sie würde ihr Helferheer trösten und sich bei ihren Geldgebern entschuldigen. Sie würde stark sein und erst dann schwach. Daheim, allein.

Eine Limousine brachte sie ein paar Tage später nach 15 Old Hause Lane in Chappaqua, in das ländliche Anwesen, das die Clintons gekauft hatten. Manchmal wollte sie nichts als in die Kissen heulen. Sie ging im Wald spazieren, und wir ahnen, dass sie ohne Visagistin und Haarstylisten auskam. Sie las die Bücher von Elsa Ferrante und schaute ein paar alte Folgen von „The Good Wife“ an. Keine schlechte Wahl, das ist eine richtig gute 120-Folgen-Serie, die davon handelt, wie sich eine brave Ehefrau und Mutter von ihrem korrupten, fremdgehenden Politiker-Ehemann emanzipiert, in dem sie in ihren alten Beruf als Anwältin zurückkehrt und eine späte Karriere hinlegt. Hätte sie vielleicht auch machen sollen.

Hillary Clinton hat eine grausame Niederlage erlitten, denn im Weißen Haus sitzt er, das Irrlicht, der Nichtswisser, der seinen reichen Freunden schöne Gesetze schenken möchte. Jeder Tag, jede Nachricht, jeder Tweet erinnert sie an das widerfahrende Leid. Donald Trump war doch der letzte, gegen den sie, Hillary Rodham Clinton, verlieren konnte. Aber sie konnte. Trump ist ihr Werk, es gibt genügend Hillary-Freunde, die so denken. Wie wird ein Mensch damit fertig? Wie lange dauert es, bis er sich damit aussöhnt?

Jimmy Carter kehrte zu seinen Ursprüngen zurück und tat gute Werke. Al Gore verschwand in der Versenkung und kam nach einigen Jahren als Ökopapst und Friedensnobelpreisträger zurück. Hillary Clinton aber ist keine Frau, die sich Trauerzeit gönnt. Mit 69 Jahren hat sie nicht viel Zeit für den tiefen Blick in die Seele. Also schrieb sie wieder ein Buch, das seit ein paar Tagen auf dem Markt ist. „What happened“ heißt es, das lässt sich hübsch doppeldeutig übersetzen. Es kann heißen: „Was zur Hölle ist da passiert?“ Aber auch: „Was ist mir da zugestoßen?“

Ich gestehe, ich habe von Hillary Clinton nie viel gehalten. Sie war wie Bill, aber nicht so virtuos. Die Politik hat beide in neue Sphären gehoben. Das kann bescheiden machen, aber so sind sie nicht. Immer erweckten sie den Eindruck, als schuldeten ihnen andere etwas, als stünde ihnen zu, was sie wollten, als gälten Regeln und Gesetze für andere, aber nicht unbedingt für sie. Bill baute eine einzigartige Macht- und Geldmaschine auf und damit wollte Hillary die Wahl gewinnen, die sie verlor.

Die beiden Clintons waren besonders, und weil sie besonders waren, kamen sie immer durch. „I didn’t have sex with this woman, Ms. Lewinski“ – ein grandioser Satz, der von Donald Trump stammen könnte, der sicher noch genüsslich den Unterschied zwischen Blow Job und Penetration erklärt hätte. Hillary verschickte dienstliche E-Mails privat und versuchte sich so windig herauszureden, wie die Clintons sich immer herausgeredet haben.

Aber die Clintons sind Vergangenheit. Hillary war schon überständig, auch wenn sie wie eh und je irrsinnig viel Geld einsammelte und viele junge Idealisten um sich scharte. Die Maschine lief leer. Nichts passte zusammen. Hillary redete und redete und wurde hektisch. Sie wollte links wie Bernie Sanders sein und konservativ wie die Spender aus der Wall Street, ein Ausbund an Erfahrung und eine weiche Frau. Wer alles zugleich sein will, ist am Ende zu wenig.

Schuld an der Niederlage sind im Buch viele, vor allem viele andere. Bernie Sanders, der seine Skepsis nicht verbarg, auch als er sie unterstützte. Der FBI-Chef, der in der letzten Wahlphase verkündete, wegen der E-Mails würde noch einmal ermittelt. Barack Obama, der sie ungenügend verteidigte. Die Russen, Julian Assange. Der böse Trump, von dem sie sich im Fernsehstudio wie von einem Stalker bedrängt fühlte.

Das Entscheidende bleibt in diesem Buch ungesagt. Amerika hat die Clintons satt. Das weiße und das reiche Amerika hat sich einen Anführer gesucht, der das Gegenteil der Clintons und auch Obamas ist, ein ökonomischer Nationalist, der der Welt sagen will, wo es lang geht, dem dicken Kind in Nordkorea, den bornierten Schuldnern in der Nato und auch diesen arroganten Chinesen. Mal kurz Syrien bombardieren, mal kurz mit dem Atomkrieg drohen, mal kurz 800 000 Jugendliche deportieren (oder vielleicht doch nicht oder womöglich erst später).

Hillary Clinton hat übersehen, was sich anbahnte. Sie konnte es sich nicht vorstellen, dass Amerika die Clintons nicht mehr wollte. Das Weiße Haus stand ihr zu, nicht wahr. Sie hatte es doch mit Bills vereinbart: erst er, dann sie. Sie fühlt sich schuldig, sie leidet, sie hat Amerika im Stich gelassen. War sie vielleicht die einzige, gegen die er, dieser Trump, gewinnen konnte? Kissengedanken. Waldspaziergangsalbträume.

Es gibt eine Überlegung, die Hillary Clinton entlastet. Amerika neigt periodisch zu Übersprungshandlungen und ersetzt dann den alten Präsidenten durch das genaue Gegenteil. Einen größeren Gegensatz zu Barack Obama als Donald Trump kann man gar nicht erfinden. Was daraus folgt? Die Demokraten sollten schleunigst die Clintons hinter sich lassen und einen (oder eine) unter sich auswählen, der (oder die) jung und begabt ist und das Zeug dazu hat, Präsident zu werden. Er oder sie sollte das Gegenteil von Trump sein, aber das ist ja wohl leicht.

 

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