Schluss mit dem Gehechel

In einem Jahr ist Donald Trump fällig und sein Amt wieder los - da war sich unser Autor mal sicher. Aber heute? Trotz aller Skandale: Nach Impeachment oder Ähnlichem sieht es nicht aus.

Von Gerhard Spörl

Montag, 26.06.2017   13:36 Uhr

In der Nacht, als Donald Trump zum amerikanischen Präsident gewählt wurde, gab ich ein Interview und behauptete, er werde innerhalb eines Jahres abgesetzt werden. In den Wochen danach ging ich schon vorsichtiger Wetten ein: zwei Jahre, meinte ich nun.

Mein Morgen beginnt mit der Lektüre der "New York Times" und des "New Yorker", ehrwürdigen Publikationen, die zu großer Form aufgelaufen sind, seit The Donald im Weißen Haus wütet und twittert. Ich liebe diese präzise Berichterstattung, der man anmerkt, dass sie dem Land beweisen will, wie gut, wie wichtig, wie demokratisch unerlässlich die Presse ist. Die Botschaft lautet Tag für Tag: Wir kriegen dich, denn du bist nicht würdig, Amerika zu führen, geschweige denn die Welt.

Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der seine tägliche Dosis braucht. Ich habe Mühe damit, dem Irrsinn ohne Erinnerungsverlust zu folgen. Am liebsten lese ich wöchentliche Zusammenfassungen und merke dann immer, dass ich schon wieder vergessen habe, was am Montag auf Twitter abgesondert und dann am Mittwoch auf Fox News behauptet wurde. Ich bin schon ziemlich alt und an allerlei Menschliches gewöhnt. Ich habe JFK betrauert und Ronald Reagan überlebt, aber Trump ist einzigartig, er übertrifft alles, er ist die Gegenrevolution.

Und ich bin bestimmt nicht der Einzige, der allmählich nachdenklich wird. Geht ja schon ziemlich lange so mit ihm. Könnte sein, dass es so schnell nichts wird mit der Absetzung. Es ist ja auch ziemlich kompliziert, einen Präsidenten durch ein Impeachment abzuservieren. Richard Nixon war fällig, deshalb gab er auf, bevor das Verfahren eingeleitet werden konnte. Bill Clinton hatte die Wahrheit lachhaft gebeugt ("Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau, Ms Lewinsky"), kam aber mit einer Rüge davon.

Nachdenklich wurde ich, als ich im "New Yorker" ein wunderbares Stück von David Remnick las, Chefredakteur des Magazins. Der Titel: "Who in the White House will turn against Donald Trump" - frei übersetzt: Wer liefert ihn ans Messer? Die Geschichte, die Remnick erzählte, handelte von einem Mann namens Alexander Butterfield, der zu Nixons Zeiten im Weißen Haus arbeitete und eines Tages den Auftrag erhielt, im Oval Office ein Abhörsystem einzurichten; niemand sollte davon wissen; bei allen Gesprächen lief von nun an heimlich das Band.

Als die Ermittlungen gegen Nixon richtig losgingen, wurde auch Butterfield vernommen. Dann kam die alles entscheidende Frage, ob es Bandaufnahmen gebe. Butterfield sagte ja. Damit war Nixon geliefert.

Natürlich schrieb Remnick diesen Artikel am 16. Juni nur aus einem einzigen Grund: zur Ermunterung des neuen Butterfield im Weißen Haus. Du kannst Geschichte schreiben! Befrei uns von dieser Tragödie!

Bei Trump wirkt vieles verdächtig - aber was nützt uns das?

Mir bereitete die Lektüre Unbehagen. So sehr wünschen wir uns also, dass der Spuk vorbeigeht. So sehr schreiben, denken und wetten wir uns das Ende herbei. So weit lassen wir uns treiben. Selbst ein so kluger, besonnener Mensch wie David Remnick befindet sich im Ausnahmezustand. Und ich mich mit ihm.

Aber was haben wir eigentlich in der Hand? Dieses seltsame Fraternisieren mit den Russen riecht nach Unrat, doch wenn nichts wirklich Aufregendes passiert, bricht es The Donald nicht das Genick. Es erinnert an den Versuch der Republikaner, Bill Clinton wegen eines Grundstücksgeschäfts daheim in Arkansas zu hängen, das war die heute zu Recht vergessene Whitewater-Affäre. Oder die permanente Vermischung von Amt und Geschäft der ganzen Familie Trump: ist schändlich, lässt sich jedoch nicht zum Riesenskandal aufblasen. Noch nicht. Oder das Feuern des FBI-Chefs: gefährlich, aber deswegen ein Impeachment?

Amerika wählt immer das Gegenteil des jeweiligen Amtsinhabers. Trump ist der Anti-Obama. Die jeweiligen Gegner des jeweiligen Amtsinhabers verhalten sich jeweils gleich. Sie versuchen sofort und aufgeregt, den Typen wieder aus dem Weißen Haus zu vertreiben. So erging es Obama, so ergeht es Trump. Und ich spiele das hysterische Spiel diesmal mit.

Wenn das Hecheln mal nachließe

Vielleicht sollten wir mal innehalten. Vielleicht sollten wir mal wieder die gute, alte Skepsis walten lassen. Kann sein, dass gerade die ständige Aufregung zur Stabilisierung im Weißen Haus beiträgt. Wäre jedenfalls besser, wenn das Hecheln nachließe. Wäre bestimmt gut, mal wieder stärker zu beachten, was in der Welt los ist.

Was mich wirklich beunruhigt: Nordkorea und Saudi-Arabien. Der Diktator in Pjöngjang, der diesen armen Amerikaner schnell noch halbtot aus dem Land schaffen ließ und andauernd Bomben testet, ist eine echte Gefahr für die Welt. Und Saudi-Arabien, ermuntert durch Donald Trump, verwandelt den Stellvertreterkrieg mit Iran, der in Syrien tobt, in eine direkte Konfrontation. Wohin soll das denn führen? Und die unentbehrliche Weltmacht USA weiß nicht, was sie tut, weil der Präsident im Weißen Haus nicht weiß, was er tut, weshalb er schnell mal einen syrischen Kampfjet vom Himmel holen lässt, was zwangsläufig zu Ärger mit Russland führt.

Ich habe mir vorgenommen, keine neuen Wetten einzugehen. Was er in der Welt tut oder sein lässt, entscheidet über Trump. Es ist ja einfach so: Wenn er sich erledigt, erledigt er sich selbst.

 

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