t

Das Zentralgestirn

Gefeiert, gedemütigt, gehasst, geehrt - Helmut Kohls Politikkarriere war ein großes Wechselspiel. SPIEGEL-Autor Gerhard Spörl hat sie jahrelang beobachtet. Ein Rückblick

 

Samstag, 17.06.2017   13:00 Uhr

Als ich ihn kennenlernte, war Helmut Kohl ein sehr großer, schlanker Mann, an dem die Leichtigkeit des übergroßen Talentes auffiel. Er war mein Ministerpräsident, denn ich studierte in Mainz. Dort residierte er, schenkte Wein aus, hielt Hof und sammelte Talente um sich, die sein Licht und seine Nähe suchten. Heiner Geißler war dabei, auch Jahrgang 1930, dem man heute wieder seine Ursprünge anmerkt, die eines radikalen Christen mit anarchischen Zügen. Kurt Biedenkopf, ebenfalls Jahrgang 1930, war bald so etwas wie Kohls persönliche Denkfabrik. Dazu Richard von Weizsäcker, zehn Jahre älter, ein später Starter in die Politik hinein, undenkbar ohne Kohl.

Damals war Helmut Kohl der kommende Star der CDU, die 1969 die Macht verloren hatte. Er war der Reformer, der Unkonventionelle, der Blumen neben sich blühen ließ. Angstlos schien er zu sein, voller Selbstbewusstsein, was kostet die Welt, wo steht das Klavier. Die CDU war nicht meine Partei, aber Kohl gefiel mir.

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1972, das ihn zeigt, wie ich ihn damals sah. Schon schütter das Haar, groß die Brille, steht er breitbeinig da, die Hände hat er in den Seitentaschen seiner Anzugjacke vergraben, die beiden Daumen schauen heraus und zeigen nach unten. Sehr selbstsicher, inszenierte Macht, entschlossen wie John Wayne. Damit erzielte er Wirkung.

Alle pilgerten nach Mainz, alle wollten in seinem Licht stehen. Er war der Magnet. Die anderen, Politiker wie Journalisten, waren die Eisenspäne. Im Jahr 1970 stand im SPIEGEL über ihn zu lesen: "Helmut Kohl ist ein Würdenträger, der das Lachen verbeißt, wenn pathetische Momente nahen. Theaterlust glitzert in seinen Augen, ehe er vor Honoratioren mit Sonntagsröcken in gespieltem Ernst erhebende Lehrformeln hersagt."

Sie mochten ihn zu dieser Zeit, auch die Blätter, die sich später über "Birne" amüsierten und ihn für kanzlerunfähig erklärten. Da war einer, der Bundeskanzler werden konnte. Fast wäre er es schon 1976 geworden, da kam die CDU mit ihm als Spitzenkandidat auf stolze 48,6 Prozent und hängte die SPD (42,6 Prozent) ab, die nur noch knapp mit der FDP weiterregieren konnte, sechs Jahre noch.

Ich mag "What-if-Fragen". Was wäre gewesen, wenn Helmut Kohl schon damals Kanzler geworden wäre? Unwiderstehlich wäre er gewesen. Einer, dem alles gelingt und das auch noch blitzschnell. Mit 46 der jüngste Nachkriegskanzler. Es kam anders, vor allem für ihn. Nichts war von nun an leicht, alles schwer. Das Ausnahmetalent verwandelte sich allmählich in den misstrauischen, rachsüchtigen Helmut Kohl. Die Politik trieb ihm die Lebensfreude aus. Dafür sorgten vor allem zwei Gegner, die sich ergänzten: Franz Josef Straußbekämpfte Kohl, den Provinzheini ohne abendländische Bildung, bis aufs Messer und hätte ihn wohl am liebsten in den Wahnsinn getrieben. Und Helmut Schmidt reizte "den Pfälzer" mit seiner geschliffenen Arroganz grausam effizient. Ich fing gerade als Journalist an und bekam gleich vorgeführt, was Menschen anderen Menschen in der Politik antun.

In diesen für ihn schrecklichen Jahren stieß Helmut Kohl auch die Freunde von gestern ab. Heiner Geißler wollte ihn auf dem Bremer Parteitag im Sommer 1989 stürzen. Dazu kam es nicht, weil Gyula Horn in Ungarn die Grenze nach Österreich öffnete und die Deutschen aus der DDR scharenweise westwärts fliehen durften. Richard von Weizsäcker machte sich zum Kronzeugen gegen den Kanzler ("machtversessen, machtvergessen"), der ihm das nie verzieh. Später, als Kohl schon hinfällig war, ließ Weizsäcker vorfühlen, ob ein Versöhnungsbesuch in Oggersheim willkommen wäre; er war es nicht. Kurt Biedenkopf schrieb kenntnisreiche Bücher über die Politik, wie sie eigentlich sein sollte, wenn es nach ihm, Biedenkopf, ginge.

Morgens am 8. November 1989 flog ich im Journalistentross mit Helmut Kohl nach Warschau. Ein Staatsbesuch, fünf Tage lang, nichts Aufregendes. Am frühen Abend sprach sich rasend schnell herum, dass sich Ungeheures anbahnte. Im Bundestag sangen sie die Nationalhymne. In Ost-Berlin öffneten sie die Schlagbäume. Der Bundeskanzler war am falschen Ort, was für eine Ironie der Geschichte.

Am nächsten Morgen flogen wir nach Berlin. Und dann wurden sie ausgepfiffen, als sie auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses das Deutschlandlied anstimmten, Kohl und Genscher und Momper und Brandt und die anderen. Nicht schön, ziemlich verwirrend, was sollten wir davon halten? Aber egal, die Geschichte nahm ihren Lauf.

Mir kommt es so vor, als hätte Helmut Kohl in diesen entscheidenden Monaten zur alten Leichtigkeit zurückgefunden. Wieder war er der Magnet. Sie hofften auf ihn, die Ostdeutschen, die ihn frenetisch feierten. Kohl verstand schnell, dass Michail Gorbatschow womöglich nicht viel Zeit bleiben würde, sodass er sich mit der Wiedervereinigung beeilen musste. George Herbert Walker Bush vertraute vielleicht nicht den Deutschen, aber Helmut Kohl. Margret Thatcher blieb die ganze Wiedervereinigung ein Gräuel, und doch konnte sie nichts dagegen machen. François Mitterrand drehte einige seltsame Runden und fügte sich dann ins Unvermeidliche.

Helmut Kohl war wie früher das Zentralgestirn. Er kehrte zu seinen Ursprungsstärken zurück. "Glückwunsch, Kanzler", schrieb Rudolf Augstein im SPIEGEL. So haben die meisten von uns gedacht. Irrsinnig viel hatte Helmut Kohl vorher irrsinnig falsch gemacht, aber jetzt machte er das Wichtigste richtig. Zum Glück.

 

Comment