Zu den Abeninladungsgesprächen in diesen Tage gehört die Frage, wie es überhaupt sein kann, dass ein Mann wie Donald Trump zu einem ernsthaften Kandidaten für die Präsidentschaftswahl aufsteigt. Die Antwort ist oft genug schlichter Antiamerikanismus. Das hilft immer, man kann dann noch einmal die Enttäuschung an Barack Obama beklagen und an den Vietnamkrieg erinnern, und wenn der Abend fotgeschritten ist und die fünfte Rotweinflasche nur noch kümmerliche Reste aufweist, landet die kleine Runde unweigerlich bei den Massakern an den Indianern.

Was mir persönlich mehr zu schaffen macht, ist das Gesetz der Serie in den amerikanischen Wahlen, das mir aufgefallen ist. Es besagt, dass gerne das Gegenteil des Amtsinhabers gewählt wird. Das Gegenteil von Richard Nixon und dessen Vizepräsident Gerald Ford war Jimmy Carter, der fromme und unerfahrene und wohlmeinende Mann aus Georgia. Das Gegenteil von Jimmy Carter war Ronald Reagan, schon erfahren, mit lässiger Arbeitsauffassung ausgestattet, mit großer Intuition und der Neigung, bedenkenlosen Beratern freien Lauf zu lassen. Das Gegenteil von Reagan und dessen Vize George Herbert Walker Bush war Bill Clinton, der junge Mann aus einfachen Verhältnissen in Arkansas, eine riesige politische Begabung mit erstaunlichen Charakterschwächen. Das Gegenteil von Bill Clinton und dessen Vize Al Gore war George W. Bush, nicht besonders helle, nicht besonders ambitioniert, dem 9/11 widerfuhr und zu jeder Menge Fehlentscheiungen antrieb, die Amerikas Ruf weltweit untergruben. Das Gegenteil von George W. Bush und John McCain war Barack Obama, jung und klug und idealistisch gesonnen und von dem Ehrgeiz beseelt, den Fluch zu brechen, der über Amerika lag, weil Republikaner und Demokraten sich gegenseitig lähmten und so das politische System dysfunktional wurde. Wäre er weiß, hätte er mehr erreicht. Da er schwarz ist, radikalisierte sich die weiße Gegenwelt.

Das Gegenteil von Barack Obama ist Donald Trump, der Mann, der Ignoranz für eine Tugend hält, das Produkt des dysfunktionalen Systems, bei dem sich die Republikaner selber zerstörten, der Mann ohne Scham und mit sadistischer Neigung, Gegner zu zerstören. Womit wir bei Hillary Clinton wären, die auf ihre Weise eine Verlängerung der Ära Obama wäre und also, nach dem Gesetz der Serie, nicht die erste Präsidentin werden wird. Für sie wäre es einfacher, das Gesetz der Serie zu brechen, wenn sie nicht Hillary Clinton wäre und die Schwäche der Clintons noch steigern würde: die Neigung zu glauben, dass Regeln und auch schon mal Gesetze für andere gelten, nicht aber unbedingt für sie; die Neigung, die verfolgte Unschuld zu spielen.

Hillary Clintons Chancen im November stünden besser, wenn sie sich als die erfahrene und redliche und empathische Alternative zum dummerhaften und politisch gefährlichen Donald Trump darstellen könnte. Das kann sie aber nicht. Erfahren ist sie, doch sie wird die e-mal-Geschichte als Außenministerin nicht los, weil sie einen privaten Account zu Amtszwecken nutzte, und diesen Umstand zuerst leugnete und dann mühsam zugab, allerdings nicht den untersuchenden Instanzen Reden und Antwort stand. Typisch Hillary, sagen ihre Anhänger resigniert. Deshalb gelingt es ihr nicht, auch nur annähernd so viel Enthusiasmus auszulösen wie Obama vor acht Jahren.

Heute stand in der "New York Times", dass 67 Prozent aller Amerikaner weder Trump noch Clinton für ehrliche Menschen halten. Trump kann das, wie die Dinge liegen, gleichgültig sein. Für Clinton bedeutet diese Einschätzung eine Katastrophe. Für sie ist die Zahl ein Hinweis darauf, dass auch diesmal das Gesetz der Serie gelten könnte.

 

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