Nachruf Kein anderer Bundespräsident hat die Macht des Wortes so konsequent genutzt wie Richard von Weizsäcker.

Erinnerungen von Gerhard Spörl

30 DER SPIEGEL CHRONIK 2015

E ines Tages erzählte ich Richard von Weizsäcker von meinem Vater. Beide waren Jahrgang 1920. „Wie erging es ihm?“, wollte er wissen. Mein Vater war ein Bauernsohn aus dem Frankenwald, der mit 19 Soldat werden musste, zuerst an der Westfront und dann an der Ostfront. Am 3. Februar 1943 war für ihn der Krieg bei Charkow vorbei: Doppelbeinamputation, zehn Zentimeter unterhalb beider Knie.

Ich wollte gar nicht viel erzählen, er war der Bundespräsident, aber er wollte mehr erfahren: Ob ich viel mit ihm geredet hätte, ob wir uns nahe gewesen seien, wie es mit meiner Familie weitergegangen sei. Warum interessiert ihn das?, fragte ich mich. Ich war damals nur ein junger Bonner Korrespondent der „Zeit“.

Weizsäckers Biografie war unvergleichlich anders, doch der Krieg, der schreckliche, ebnete im Nachhinein offenbar ein paar Unterschiede ein. Und meine Vater-Sohn-Geschichte interessierte ihn vermutlich wegen seiner Vater-Sohn-Geschichte.

Seither glaube ich, dass man Richard von Weizsäcker nicht ohne seinen Vater Ernst verstehen kann. Den Gesandten in Bern, der 1936 sich dafür aussprach, Thomas Mann für seine „feindselige Propaganda gegen das Reich im Ausland“ auszubürgern. Der 1938 zum Staatssekretär im Auswärtigen Amt aufstieg und sich darum bemühte, den Krieg zu verhindern. Wie hätte er das können sollen?, fragte ich mich mit der Verständnislosigkeit des Spägeborenen. Er überschätzte seinen Einfluss. „Mein Vater ging seinen Weg“, sagte der Sohn Richard lakonisch.

Nach dem Krieg stand Ernst von Weizsäcker in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht. Er hatte Deportationsbefehle für französische Juden nach Auschwitz unterzeichnet. Was Auschwitz für Juden bedeutete, habe er nicht gewusst, rechtfertigte er sich. Der Sohn Richard stand ihm als Hilfsverteidiger zur Seite. Er war damals 27, der Vater 65. Der Sohn sagte über sein Verhältnis zum Vater: „Ich hatte vorher in meinem Leben nur selten einmal ein längeres Gespräch mit ihm gehabt.“

Der Sohn sprach den Vater frei. Er hielt ihn für vollkommen unwissend und umfassend unschuldig. Das Gericht verurteilte Ernst von Weizsäcker im Jahr 1949 zu sieben Jahren Haft. 1950 kam er frei. Ein Jahr später starb er.

Die größte intellektuelle Leistung des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war die Rede im Bundestag am 8. Mai 1985, vierzig Jahre nach Kriegsende. Groß ist sie in vielerlei Hinsicht: in ihrem Anspruch, Maßstäbe zu setzen und bleibende Worte zu sprechen; in ihrem Ziel, den Wahnwitz dieser zwölf Jahre auf den Begriff zu bringen und den mannigfaltigen Schicksalen gerecht zu werden – der Irrenden, der Opfer, der Flüchtlinge, der Widerständler. Die Rede hat viele Tiefenschichten, aber nicht zuletzt ist sie eine persönlich gefaäbte Rede.

„Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter“, sagte der Bundespräsident. Das klang auch danach, dass der Hilfsverteidiger seinen umfassenden Freispruch für den Vater revidierte. Oder der Vorsatz, den Weizsäcker gleich darauf formulierte: „Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.“ Die Wirkung dieser Rede beruhte auf der Glaubwürdigkeit, dass hier jemand sprach, der dabei gewesen war, der Schuld auf sich geladen hatte und nun auch selbst um Klarheit rang, um innere Befreiung.

Weizsäcker gelang es in dieser Rede, den Irrenden gerecht zu werden und ihnen den Spiegel vorzuhalten. Die Irrenden waren für ihn die meisten Deutschen, die geglaubt hätten, „für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient“. Diese Dialektik relativierte die Schuld und schloss all die Mitläufer ein genauso wie meinen Vater, der kein Nazi gewesen war, und seinen Vater Ernst, der in die NSDAP und die SS eintrat und dennoch Gefährdeten half.

Wenig war schwarz und weiß damals, viel grau. Dann wurde der Redner Weizsäcker jedoch streng und zog eine Grenze zwischen Schuld und Unschuld: „Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten. Die Fantasie der Menschen mochte für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen. Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausführung der Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah.“

Diese Passagen über die interessengeleitete Nichtwahrnehmung als schuldhaftes Versagen sind wie in Stein gemeißelt. Hier wird niemand mehr freigesprochen, am allerwenigsten die Vä ter-Generation, die an den Schalthebeln der Macht gesessen hatte und sich darauf hinausreden wollte, was Auschwitz gewesen sei, habe man nicht ahnen können.

Als Politiker war Richard von Weizsaäcker ein Späberufener. Seine Verächter, zu denen irgendwann auch Helmut Kohl gehörte, hielten ihm vor, er sei sich für die Ochsentour zu schade gewesen. Das wäre nicht ehrenrührig gewesen, stimmte aber auch nicht. 1974 war Weizsäcker Verliererkandidat bei der Wahl zum Bundespräsidenten. Außerdem verließ er 1981 den Bundestag und ging nach Berlin, genauer gesagt: West-Berlin. Die isolierte, geteilte Stadt war für jeden Kandidaten, der von außen kam, eine Hölle, in der sich die CDU kleinkariert, aggressiv und großmäulig aufführte. Weizsäcker überlebte die Hölle, führte die CDU wieder in die Regierung und verlieh ihr das Flair des Weltläufigen und Liberalen. Er weizsäckerisierte seine Partei und die Stadt.

Was ihn in der CDU zur singulären Figur machte, war sein weitgefächertes Verständnis von Politik. Für Helmut Kohl und dessen Kamarilla war gute Politik das, was der CDU guttat. Politik ging vollkommen in Machtpolitik auf: Auf Kohl kam es an, auf sonst nichts. Weizsäcker zog den Kreis weiter. Für ihn ging es um das Politische einer Gesellschaft, in der es neben den Parteien unabhängige Institutionen wie die Kirchen gab, oder Neulinge wie die Grünen. Dazu besaßen Intellektuelle und Schriftsteller eine Stimme, die zu hören sich lohnte. Die demokratische Ge- sellschaft, sie war viel bunter und reicher als der Parteienstaat dieser westlichen Kohl-Republik. Es konnte gar nicht ausbleiben, dass Weizsäcker, Bundespräsident von 1984 bis 1994, und Kohl, der Bundeskanzler, der ihn zum Präsidenten gemacht hatte, aufeinanderprallten. Dafür sorgte Weizsäcker 1992 mit einem Interview in der „Zeit“. Er nannte die Parteien, vorneweg natürlich den Kanzler, machtversessen und machtvergessen.

Das Urteil saß. Es befreite. Kohl hing es für immer an. Wir Journalisten bekamen die Stichworte frei Haus geliefert, mit denen SPIEGEL und „Zeit“ das Regiment Kohl von nun an kritisierten. Die Macht des Wortes hatte Weizsäcker erneut konsequent wie kein Vorgänger oder Nachfolger (bisher) genutzt. Wie nebenbei hatte er auch sein Amtsverständnis formuliert: Der Bundespräsident sei dazu da, eigene Überzeugungen auszusprechen und nicht etwa vorgeschriebene Papiere der Regierung vorzulesen. Natürlich hatte Weizsäcker diesmal die Grenzen seines Amtes überschritten. Niemand wusste das besser als er. Aber recht hatte er getan und recht gehabt sowieso. Und zu verlieren gab es für ihn nichts, es ging ja auf das Ende der zweiten Amtszeit zu. Gut zwanzig Jahre später, am 31. Januar 2015, stirbt Richard von Weizsäcker.

Mein Vater war lebenslang Sozialdemokrat und kein Freund der Aristokratie. Trotzdem fühlte er sich am 8. Mai 1985 von Weizsäcker einbedacht. In einer Passage über das „Gebirge menschlichen Leids“ zählt Weizsäcker „Verwundung und Verkrüppelung“ auf. Darunter fiel mein Vater.

Erst spät in seinem Leben habe ich entspannt mit meinem Vater über vieles geredet. Ich bot ihm auch an, mit ihm nach Charkow zu fahren, wo er verwundet worden war. Er wollte nicht.

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