SPIEGEL ONLINE, 20.08.2015

Egon Bahr, Architekt der Ostpolitik: Die Ära Willy Brandt war auch seine wichtigste Zeit. Ihm, dem präzisen Denker, ging es vor allem um Versöhnung und Entspannung. Persönliche Erinnerungen von SPIEGEL-Autor Gerhard Spörl.

Egon Bahr habe ich vor zwei, drei Jahren zum letzten Mal in seinem Berliner Büro besucht. Er saß hinter seinem Schreibtisch, schaute mich an, fragte "Was gibt's Neues?" Er zündete sich eine Zigarette an und war ganz Ohr.

Da er selber Journalist war, mochte er Journalisten - jedenfalls die neugierigen unter uns, die erfahrenen, mit denen er plaudern konnte und die ihm auch mal Dönkes über den einen oder anderen Politiker in der Regierung oder im Bundestag erzählten. Er war ein angenehmer Mensch, der Menschen mochte. Kein Zyniker, auch das ist nach so vielen Jahren in seinem Gewerbe eine Leistung. Ein Mann, dem ich gerne beim Denken zuhörte. Der präzise argumentierte und druckreif sprach.

An jenem Nachmittag redete er auch über das Altern und die Altersgefährten. Er selber sei noch ganz gut zu Fuß, aber andere Alte wie Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt hätten es mit den Beinen, sagte er. Die Beine, sie wollten irgendwann nicht mehr, auch wenn der Kopf klar blieb. Ja, so werden wir ausgeknipst, nach und nach, sagte er.

Was bleibt von ihm im Gedächtnis? Wie er weint, als Willy Brandt zurückgetreten ist, das war 1974. Die Koryphäen der Sozialdemokratie sitzen an einem langen Tisch, vor Herbert Wehner liegt ein Blumenstrauß. Egon Bahr schaut Herbert Wehner befremdet an, weil der so tut, als gehe ihm der Rücktritt zu Herzen. Herbert Wehner, der über Willy Brandt gesagt hatte, der Herr bade gern lau. In Moskau! Wehner!

Verspielt und vertändelt

Oder der fulminante Wahlsieg 1972 über die wild gewordene CDU/CSU, die ein Mann namens Rainer Barzel ölig anführte (kennt den noch jemand? Kann man googeln). Brandt setzte alles auf eine Karte. Das war die Entspannungspolitik, für die er vor der Wahl eigentlich keine Mehrheit im Land hatte. Es war das einzige Mal, dass ein deutscher Nachkriegskanzler sagt: dafür stehe ich, dafür falle ich. Ein grandioser Wahlkampf, ein grandioser Sieg.

Zwei Jahre später war die goldene Phase der SPD schon wieder vorbei. Verspielt und vertändelt, das auch. Gescheitert an einem Spion aus der DDR, aus dem anderen Deutschland, mit dem die Regierung Brandt gerade einen Grundlagenvertrag geschlossen hatte. Was für ein Irrsinn.

Mit dem Ende von Brandts Kanzlerschaft begann die weniger schöne Zeit für Bahr. Schmidt zog die Macher den Denkern vor. Außer Bahr gehörte der brillante Peter Glotz dazu, auch Hermann Glaser, der Kulturdezernent in Nürnberg war und fast so kluge Bücher wie Glotz schrieb. Jeder von ihnen war ein Solitärgewächs. Sie fielen als Einzelne auf, aber sie verstanden sich vor allem als Mitglied der deutschen Sozialdemokratie, der ältesten Partei Deutschlands, worauf sie stolz waren, und was sie immer wieder erwähnten.

Paradoxerweise gab es doch eine Gemeinsamkeit zwischen Schmidt und Bahr: Beide waren Vertreter der gouvernementalen SPD. Sie zogen es vor, mit den Regierenden in Moskau, Warschau oder Prag zu sprechen - nicht mit der Opposition, aus der später die Regierungen kamen. Ein Fehler, wie Bahr später einsah.

Bahr jammerte nicht

Egon Bahr blieb lebenslang ein Willy-Brandt-Mann. Sie kannten sich aus Berlin, als Berlin noch Frontstadt im Kalten Krieg war. Sie waren beide Journalisten. Sie dachten im Duo. Sie entwickelten die Ideen über Entspannung und Versöhnung gemeinsam. Sie waren beide das Opfer der Adenauer-CDU, die den Emigranten Willy Brandt alias Herbert Frahm verunglimpfte und Bahr zum Vaterlandsverräter stempelte und es dazu auch noch schaffte, irgendwie anzudeuten, dass es sich bei Bahr ja um einen Halbjuden handele. Wer durch dieses Feuer gegangen war, dem kam alles andere wahrscheinlich halb so schlimm vor.

 

Nach Brandts Tod war Egon Bahr dessen ideeller Nachlassverwalter und der Kummerkasten für die ewigen Brandt-Jünger, die unter der Nachfolgerschar Vogel/Rau/Scharping/Lafontaine/Schröder/Platzeck/Beck/Gabriel litten und heute am 25-Prozent-Getto verzweifeln. Bahr jammerte nicht. Er war eben auch ein Pragmatiker, der sich sagte: Sind es jetzt schlechte Zeiten, kommen auch wieder gute Zeiten.

Egon Bahr war auf glänzende, anregende Weise, was heute nur die allerwenigsten Ratgeber sind: einer, der aus Ideen Konzepte entwickelt und sie den Regierenden oder denen, die regieren wollen, als Vorschlag unterbreitet. Er konnte warten, bis die Zeit reif war und bis er auf einen jemanden gestoßen war, der so dachte wie er und daraus eine Politik formte.

Was für ein Glück für ihn. Was für ein Glück für Brandt. Was für ein Glück für uns.

 

 

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