SPIEGEL ONLINE, 31. Juli 2015

Exakt 24 Jahre und 10 Monate hat Gerhard Spörl für den SPIEGEL gearbeitet - an diesem Freitag ist sein letzter Arbeitstag. Zum Abschied macht er sich Gedanken über einen zwar anstrengenden, aber dabei um so interessanteren Menschenschlag.

Vor ein paar Tagen saß ich mit Freunden zusammen und habe ihnen davon erzählt, dass ich ein Buch über "Die Unerträglichen" schreiben möchte. Der Titel gefiel ihnen, und jetzt bin ich so gut wie in der Pflicht, es auch wirklich zu schreiben. Es soll ein Lobgesang auf eine schwierige Minderheit sein. Schwierig für die anderen und schwierig für sich selbst. Denn die Unerträglichen sind arrogant. Sie fügen sich nicht in Gruppen ein, sie wollen für sich bleiben. Sie beanspruchen Isolation, sie ziehen es vor, auf ihrem eigenen Planeten zu wohnen. Mehrheiten sind ihnen nicht etwa suspekt, sie scheren sich einfach nicht um sie. Deshalb sind sie schwer zu genießen.

Die Unerträglichen finden Minderheiten interessant. Was nicht aufgeht im Mainstream, dem gehen sie nach. Sie suchen nach Möglichkeiten, wo andere schon aufgegeben haben, danach zu suchen, weil sie weit und breit keine Alternative sehen. Unruhig und fantasievoll sind sie, die Unerträglichen.

Der verdächtige Mainstream

Ich bin mäßig unerträglich. Einer meiner Chefredakteure nannte mich im Zorn mal "sperrig". Ja, na klar, musste eben sein, würde ich sagen. Was ihm missfiel, fand ich in Ordnung. Dass es ihm missfiel, fand ich seltsam.

Meine Sperrigkeit ist kein Dauerzustand. Ich bin einfach zu versöhnlich und folglich zu dauerhafter Unerträglichkeit ungeeignet. Ich muss aber auch nicht ständig im Mainstream schwimmen. Ich bin in der protestantischen Diaspora im katholischen Bayern aufgewachsen, das prägt. Der Mainstream ist mir tendenziell verdächtig. Wenn alle einer Meinung sind, hege ich den Verdacht, dass es sich um Bequemlichkeit handelt, und dann kann es produktiv sein, auch mal andersherum zu denken. Das Kontrafaktische wirkt sich heilsam auf trügerische Mehrheiten aus.

Aber ich weiß schon, dass am Ende Entscheidungen fallen müssen. Irgendwie. Mit der Mehrheit oder sogar gegen die Mehrheit, das gibt es ja auch, manchmal zum Glück für alle. Ich akzeptiere das Ergebnis.

Anders als ich sind die Unerträglichen immer unerträglich. Sie sind Kompromissen nicht nur abgeneigt, sie sind habituell unfähig dazu. Sie gehen ihre eigenen Wege. Das ist kein Spaß für sie, wahrscheinlich wären die meisten von ihnen gern anders. Endlich einmal kompromissgeneigt sein! Glühend vor Glück, der Mehrheit anzugehören! Auch wären sie manchmal gerne einer derjenigen in der Gruppe, in der Konferenz oder im Tennisverein, denen die Mehrheit wie selbstverständlich folgt, weil sie kompetent und konsensfähig auftreten. Die Unerträglichen wären gerne anders. Die Unerträglichen wären gerne Erträgliche.

Nicht, dass sie es nicht ab und zu versucht hätten. Meistens haben sie es ausprobiert, auf beiden Seiten dabei zu sein, beim Mitmachen und beim Ausscheren. Aber das liegt ihnen nicht. Diesen inneren Raum zum Mal-so-mal-so haben sie nicht. Sie können nicht spielen. Ihnen ist es ernst. Sie sind Fatalisten und Deterministen.

Für die Chefs und vor allem gegen sie

Unter den Erträglichen überwiegen die Pragmatiker. Sie kennen die Details und die Optionen. Sie wissen, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, und dass es auf die Interessen oder die Eigenarten des Chefs ankommt, wofür er sich am Ende entscheidet. Sie akzeptieren die Hierarchie und beklagen sich nicht, wenn ihr Plädoyer ungeachtet verhallt. Sie sind Relativisten. Mit ihnen kann man rechnen. Man braucht sie. Das zu wissen, genügt ihnen. Sie leiden nicht an Bedeutungshuberei.

Und dann gibt es in Menschengruppen noch das, was Fontane "die Halben" nennt. Sie sind die Unentschiedenen und deshalb nicht unbedingt berechenbar. Sie fügen sich mal ein, mal haben sie keine Lust dazu. Mal nehmen sie Diskussionen und Beschlüsse ernst, mal nicht. Auch wenn sie nach langem Palaver zustimmen, behalten sie sich das Recht vor, hinterher darüber zu meckern, was da wieder beschlossen wurde und wie unergiebig solche Diskussionen sind. Sie haben immer recht, weil sie einerseits bei der Mehrheit sind und sich andererseits von ihr distanzieren oder zumindest über den Mehrheitsfindungsprozess lästern. Sie sind für die Chefs und vor allem gegen sie. Sie sind launisch. Sie sind Rechthaber. Solche Halben gibt es in jedem Büro, in jeder Konferenz, in jeder Redaktion.

Die Demokratie braucht natürlich alle drei Menschentypen: die Erträglichen, die Unerträglichen und die Halben. Das weiß jeder. Aber wollen Sie ein Buch lesen über die Erträglichen? Die Halben?

Eben.