Comment

Regeln für Zyniker

Es gibt immer noch viele Gründe, von Amerika beeindruckt zu sein: die klügsten Leute trifft man hier, die größte Kreativität auf Gottes Erdboden, die herrlichste Natur. Es gibt allerdings auch immer mehr Gründe, fassungslos und verständnislos oder verzweifelt über Amerika zu sein. Mir geht es so, wenn ein unauffälliger Mann wie der in Las Vegas zwei Fenster zerschlägt und wahllos in eine Menge schießt und möglichst viele Menschen tötet, bevor er sich endlich selber erschießt. 

Ja, die Beweggründe, warum ein Zeitgenosse, dem niemand Schlimmes zutraut, zum Massenmörder wird, interessieren mich auch, und wir alle sind es ja gewohnt, zivilisiert nach Motiven zu fragen. Was mich aber völlig irritiert ist die Folgewirkung eines solchen Verbrechens: Die Aktienkurse der Waffenhersteller steigen, die Waffengesetze gerade in jenen Bundesstaaten, in denen jeder x-beliebige Politiker vor die Kamera tritt und mit trauerumflorter Stimme sagt, dass seine Frau und er mit den Opfer fühlen und für sie beten, werden nicht etwa verschärft, sondern gelockert. Das soll einer verstehen.

Am 14. Dezember 2012 tötete der 20 Jahre alte Adam Lanza in der Kleinstadt Newton in Connecticut zuerst seine Mutter und danach zwanzig Kinder und acht Erwachsene. Beweggrund: bis heute unerklärbar. Danach überboten sich einige Bundesstaaten in der Eilfertigkeit, neue Gesetze zu erlassen. Am weitesten ging Ohio, das jetzt Waffenbesitzern erlaubt, ihre Pistolen in Kindertagesstätten und an Flughäfen zu tragen.

Warum das so ist, darüber ließe sich lange grübeln. Doch es ist wahrscheinlich einfach so: Die Leute wollen es. In Amerika ist das Argument unschlagbar, wonach weniger passieren würde oder bei Amokläufen die Zahl der Toten geringer wäre, wenn jedermann eine Waffe bei sich hätte, die er jederzeit zücken könnte, um einem Mörder eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Ich bin kein Zyniker und viele von denen, die über Amerika und sein Verhältnis zu Waffen und Gewalt schreiben, sind es auch nicht. Doch wer sich gezwungenermaßen damit beschäftigt, kommt gar nicht daran vorbei, zynische Betrachtungen anzustellen. David Frum war mal George W. Bushs Redenschreiber. Er ist ein gebildeter, freundlicher und gläubiger Mensch. Im „Atlantic“ stellte er einige zynische  Regeln auf, wie Amerika auf Massaker reagiert.

Regel 1: Hat der Mörder seine Waffen illegal erworben, bloß nicht darüber reden, wie leicht es in Amerika ist, Waffen zu kaufen. Die Frage, um die es jetzt geht, lautet: Hätte irgendein Gesetz die barbarische Tat verhindern können? Antwort: natürlich nicht.

Regel 2: Die Diskussion sollte sich unbedingt, wie jetzt nach Stephen Paddocks Massenmord in Las Vegas , auf ungewöhnliche Details konzentrieren. Zum Beispiel auf den Aufsatz aus Plastik, der aus einer halbautomatischen Waffe eine vollautomatische macht, die minutenlanges Dauerfeuer bei einmal durchgezogenem Abzug erlaubt. Paddock hatte sicherheitshalber zwölf  Gewehre mit „bump stocks“ präpariert, weil das Gewehr bei Dauerfeuer heiß laufen kann. Die „National Rifle Association“ (NRA), die den legalen Aufsatz einst „sublim“ genannt hatte, wäre jetzt bereit, ihn zur Disposition zustellen. Ist das nicht wirklich großzügig und einsichtig und toll von dieser Organisation, die so effektiv und so zynisch wie keine andere arbeitet?

Regel 3: Jede Diskussion sollte auf den ehrlichen Waffenbesitzer hinweisen, dem es einzig und allein darum geht, sein Gut und seine Lieben vor bösen Menschen zu schützen. Bloß nicht fragen, ob Pistolen oder Gewehre im Haus sicher aufbewahrt werden, bloß keinen Alkoholtest verlangen wie er bei Leuten, die Lebensmittelgutscheine beantragen, oder jugendlichen Autofahrern gang und gäbe ist.

Als Regel 4 ließe sich ergänzen: Ein Präsident wie Barack Obama ist ein Segen für die Waffenindustrie. Die Verkäufe stiegen, die Aktien stiegen, es war wunderbar. Der Grund? Angst vor restriktiven Gesetzen. Also decken sie sich mit noch mehr Waffen ein. Das ist die zynische Logik eines zynischen Geschäfts mit paranoiden Kunden. Umgekehrt ist Donald Trump für das Wachstum der Branche eine Katastrophe. Die NRA hat ihm 30 Millionen Dollar im Wahlkampf zukommen lassen. Er ist ihr Präsident. Seine wütenden weißen Wähler gehören zu den Waffenkäufern. Der Präsident jammert wie alle über den Blutzoll, den Unschuldige in Las Vegas zahlen mussten, und betet für sie und segnet Amerika für seine Fähigkeit zum Mitleid. Aber er wird den Teufel tun, irgendwelche Gesetze zu erlassen, die Waffenkauf erschweren. Prinzipiell schlecht fürs Geschäft, es sei denn ein Massenmord wie in Las Vegas sorgt für Auftrieb.

Warum ist das so? Auf hiesigen Parties und manchmal auch in den deutschen Zeitungen zählen sie dann die amerikanische Blutstrecke auf: Indianer abgeschlachtet, Schwarze umgebracht und gelyncht bis tief in die 1960er Jahre, Sheriffs und andere Obrigkeiten zugeschaut. Gewalt und Amerika sind eins. Amerika ist auf Gewalt gebaut. Stimmt alles, erklärt aber nicht alles.

Ursprünglich war es in Amerika so, dass die Polizei Waffen auf Antrag genehmigte oder nicht. Geschäftsleute in unsicheren Vierteln durften sie haben, Leibwächter der Reichen und Leute mit Verbindungen bekamen auch Lizenzen. Damit hatte es sich aber auch. Das änderte sich und Florida ging voran.

Im Jahr 1987 wurden dort 40 Prozent mehr Morde begangen als in anderen Bundesstaaten. Also beschloss das Landesparlament, dass gesetzestreue Bürger künftig in den Stand versetzt werden sollten, sich selber zu verteidigen. Die Polizeichefs bekamen die Anweisung, jedem Erwachsenen die Erlaubnis auf Waffenbesitz zu erteilen, es sei denn, gewichtige Gründe sprächen dagegen.

Juristen nennen das die Umkehrung der Beweislast. Fortan musste die Polizei begründen, warum ein Bürger keine Waffen tragen durfte. Bald hatten 35 Bundesstaaten solche Gesetze wie Florida. In Alaska und Arizona kann man Waffen ohne jede Erlaubnis tragen. Und ein anderer Bundesstaat hat überhaupt kein Waffengesetz erlassen, so dass jeder über 16 eine Waffe besitzen kann, wenn er will. Welcher Bundesstaat das ist? Erraten Sie nie: Vermont, die Heimat der Linken.

Niemand ist gerne zynisch, ich schon gleich gar nicht, auch wenn die Zeiten seit Trump/Erdogan/Assad/Putin/Kim Jong-un/Modri nach Zynismus schreien, nach Zynismus als Gegenwehr gegen die Wirklichkeit. Was Paddock und Las Vegas und den amerikanischen Waffenwahn anbelangt, habe ich, wie so oft, Rat bei David Brooks gesucht. Das ist ein eigentlich konservativer Mann mit liberalen Zügen, den dieses neue Amerika fast radikalisiert hat.

Brooks schreibt in der „New York Times“, dass die Waffe für viele Amerikaner Identität stiftet: für Freiheit, Selbstvertrauen und Kontrolle über das eigene Schicksal. Er ordnet diese Symbiose aber in die „populistische Revolte“ ein, die Amerika derzeit heimsuche und Waffen, Einwanderung und Handel zum wütenden Politikum macht.

Dieses weiße Amerika, das in agrarischen wie industriellen Zonen zu finden ist, hat Donald Trump gewählt. Die populistische Revolte ist gegen das Establishment gerichtet, und weil die Revolte nicht nur ökonomisch begründet ist, sondern auch kulturell, kommt  es nicht darauf an, was der Präsident an Veränderungen erreicht – er ist die Veränderung, die beweist, wie korrupt und selbstzentriert und unfähig die Republikanische Partei und der Senat und das Repräsentantenhaus sind. Mit dem Scheitern der Gesetze, die Trump haben will, wird Tag für Tag belegt, wie verrottet das Land ist.

Und was macht man in einem verrotteten Land? Man bewaffnet sich. Man hortet Waffen. Man deckt sich ein. Man bereitet sich vor. Und so kommt es, dass in vier von zehn amerikanischen Haushalten Waffen zu finden sind. Und so kommt es, dass es in Amerika mehr Schützenvereine (Schützen wörtlich zu verstehen) und Waffengeschäfte gibt als McDonald’s. 

 

Comment

Comment

Mann mit traurigem Gesicht

Das amerikanische Rechtssystem ist ziemlich kompliziert, vor allem für uns Europäer, die an ein paar seiner Merkwürdigkeiten nicht gewöhnt sind. Ehrlich gesagt habe ich aus den Kriminalromanen von John Grisham und Scott Turow mehr gelernt als aus den Lehrbüchern, die ich sicherheitshalber gewälzt habe, als ich Korrespondent in Amerika war.

Seltsam ist zum Beispiel die Grand Jury, die Staatsanwälte dann und wann benutzen. Sie bestehen, wie in Amerika üblich, aus Geschworenen, die nach dem Zufallsprinzip ausgesucht werden und dem bürgerlichen Durchschnitt entsprechen. Ihnen trägt der Staatsanwalt seinen Fall vor, vernimmt Zeugen und die Grand Jury befindet am Ende darüber, ob ein hinreichender Tatverdacht („probable cause“) gegen den Angeklagten vorliegt. Urteile fällt sie nicht. Das ist merkwürdig genug.

Noch merkwürdiger ist das Ganze, weil wir nicht wissen, wer angeklagt ist und was der Staatsanwalt ihm vorwirft. Auch ist kein Richter dabei. Die Grand Jury ist ein Dialog zwischen Staatsanwaltschaft und Geschworenen. Der Staatsanwalt ruft Zeugen auf und formuliert die Straftat. Für ihn ist das Sonderverfahren ein entscheidender Testlauf, denn wenn die Geschworenen zu dem Urteil kommen, der Angeklagte sei hinreichend tatverdächtig, wird er den Fall mit dem Hinweis vor ein reguläres Gericht bringen, dass ihn eine Grand Jury anklagereif befunden hat.

Normale Staatsanwälte benutzen Grand Jurys selten. Was zu klären ist, lassen sie in Voranhörungen direkt vom Gericht entcheiden. Sie sind öffentlich zugänglich und natürlich leitet sie ein Richter. Zur Waffe kann die Grand Jury aber für Sonderermittler wie Robert Mueller III werden, der die Verbindungen des Trump-Lagers zu Russland im Wahlkampf und alles, was damit verbunden sein könnte, untersuchen soll. Der Auftrag ist für Donald Trump erschreckend weit gefasst und die Unruhe darüber ist ihm anzumerken, wie ihm alles anzumerken ist, was ihm gerade durch das Gemüt zieht.

Der Präsident kann jede Menge Blödsinn verzapfen, sofern er politisch motiviert ist. Niemand vermag ihn daran zu hindern, Nordkorea mit einem Atomkrieg und China mit einem Handelskrieg zu drohen. Auch kann ihn niemand davon abhalten, jeden zu beleidigen, der ihm nicht gefällt. Aber sobald ein Sonderermittler berufen ist, hat er allen Grund dazu, vorsichtig zu sein.

Mueller zieht seit Mai seine Kreise. Ein halbes Jahr ist im Zeithorizont amerikanischer Politik ungeheuer lange. Dazu ist er diskret und nicht scharf auf Öffentlichkeit. Nur ab und zu stand bisher Handfestes in den Zeitungen, zum Beispiel dass er das Haus von Paul Manafort auf den Kopf stellen ließ, oder dass er Dokumente aus dem Weißen Haus anforderte und zuletzt, dass er von einer Grand Jury hinreichenden Tatverdacht bestätigt bekam und jemandem somit einen regulären Prozess machen kann. Der Jemand ist Manafort, dazu sein ehemaliger Geschäftspartner Rick Gates.

Manafort war Trumps Wahlkampfmanager und bot einem Oligarchen, zu dem er Geschäftsbeziehungen unterhielt, angeblich bevorzugte Informationen an. Noch wahrscheinlicher ist es, dass ihm frühere Verbindungen zu russischen und ukrainischen Geschäftspartnern zum Verhängnis werden. Das FBI ließ Manafort, mit richterlicher Bewilligung, abhören. Der Fall ist offenbar vielschichtig und schon deshalb ein Grund zur Unruhe im Weißen Haus. Denn die Anklage hat natürlich auch den Sinn, ihn zur Zusammenarbeit zu zwingen, um seine Strafe zu minimieren: Erzähl uns was über Trump und es wird nicht zu deinem Schaden sein.

In der bürgerkriegsartigen Atmosphäre Amerikas wirkt Robert Mueller III wie aus der Zeit gefallen. Politisch ist er nicht zuzuordnen, er war ein untadeliger Regierungsbeamter und sieht immer so aus, als mache ihn traurig und besorgt, was er zu untersuchen hat. Ein Pflichtmensch. Zwölf Jahre lang war er Chef des FBI, ein Rekord, sieht man von J. Edgar Hoover ab. Ernannt hatte ihn George W. Bush, verlängert Barack Obama. Mueller ist offenbar so unparteiisch, wie man nur sein kann. Gegen ihn kann nicht einmal Donald Trump Sottisen anbringen. Das Unbestechliche macht Mueller gefährlich. Er wäre eine ideale Filmfigur, gespielt vom jungen Harrison Ford.

Ironischerweise war beim FBI James Comey der Stellvertreter Muellers und auch dessen Nachfolger. Comey brachte Trump zur Weißglut, so dass er ihn feuerte und dafür verschiedene Begründungen anführte, die ihn jetzt in Schwierigkeiten bringen. Denn Mueller untersucht die Kündigung darauf, ob dem Präsidenten Behinderung der Justiz vorzuwerfen ist. Der Sonderermittler hat E-Mails und Aufzeichnungen aus dem Weißen Haus bekommen, vermutlich Tausende, die er systematisch und methodisch analysieren lässt, wie es seine Art ist.

Der Mann im Weißen Haus, mit dem Mueller zu tun hat, heißt Ty Cobb. Er ist Anwalt und Trump hat ihn erst im Juli verpflichtet. Um eine Strategie zu entwickeln, dürfte Cobb mit allen im Weißen Haus gesprochen haben, die vor Mueller aussagen sollen. Er muss sich darauf verlassen, dass sie ihm die Wahrheit gesagt haben. Er habe die Devise ausgegeben, sagte er am vorigen Freitag zur „New York Times“: Wir kooperieren, wir haben nichts zu verbergen, wir geben heraus, was der Sonderermittler anfordert, zumal gegen den Präsidenten nichts vorliegt.

Das stimmt soweit. Mueller konzentriert sich vorerst neben Manafort auf Michael Flynn, der ein paar Wochen lang (erinnert sich jemand daran?) Nationaler Sicherheitsberater gewesen war, bevor er über ein Treffen mit dem russischen Botschafter log und entlassen wurde. Auch Jared Kushner, der Schwiegersohn, und Trumps Sohn Donald jun. mussten schon aussagen, warum sie sich mit einer russischen Anwältin im Wahlkampf trafen, die ihnen Material gegen Hillary Clinton versprochen hatte. Die Anwältin, so schreibt die „New York Times“, sei 16mal im Trump Tower gewesen. Alles nur Zufall? Nein, sie sei nicht im Auftrag des Kreml unterwegs gewesen, sagt die Anwältin. Ach ja?

Ziemlich viel Schmuddelkram, ziemlich undurchsichtig, ziemlich verdächtig. Wir leben eben mit Donald Trump, der Schmuddelkram anzieht. Robert Mueller, dem Mann mit dem traurigen Gesicht, traue ich zu, dass er den Schmuddelkram sortiert und uns danach erzählt, was davon zu halten ist.

Comment

Comment

Rasend gut. Immer. Überall

Zufällig ist der Fernsehapparat stumm gestellt, als The Donald seine Rede beginnt. Er rudert mit den Armen, er zieht sein Schmollmünchen, aus dem immer wieder erstaunliche Sätze hervorquellen. Dabei bleibt der Körper völlig unbewegt, die Stirn auch, nur der Mund bewegt sich, und wenn ihm ein Satz wichtig ist, holt er den schlenkernden rechten Arm heran, legt den Daumen an den Zeigefinger, wippt damit drei-, viermal vor und zurück und lässt dann den Arm wieder sinken. Er schaut in den Teleprompter wie in einen Vergrößerungsspiegel und findet sich rasend gut. Immer. Überall. Egal, was er sagt.

Er beleidigt sie alle, die zumeist schwarzen Footballspieler, die Sonntags aus Protest gegen den grassierenden Rassismus bei der Nationalhymne knien, anstatt zu stehen; die Bürgermeisterin des sturmgepeitschten Puerto Rico wegen „schwacher Führung“; die Republikaner im Senat, die nichts hin bekommen, kein neues Gesundheitsgesetz, kein neues Einreisegesetz gegen ausgewählte muslimische Länder. Er ist ganz bei sich, wenn er seinen Kropf leeren kann. Er wütet, er demütigt, er lässt sich gehen. Er hat kein Problem mit sich, er ist immer der Größte, der Beste. Donald Trump ist wie ein Cartoon in Endlosschleife.

Endlosschleife? Schrecklicher Gedanke.

Unter den Heroen der Late Night Show kann Steven Colbert am besten The Donald nachahmen, die flatternden Arme, das Mündchen. Er imitiert, das Studiopublikum rast, und gerade deshalb fällt auf, dass Imitieren kein Argument ist. Das Argumentieren überlässt er seinen Studiogästen. Neulich war Hillary Clinton da, die Trumps infantiles Gerede über „den kleinen Raketenmann“ rezensieren durfte. Dabei kam sie zu der irrsinnig überraschenden Erkenntnis, dass Diplomatie jedem Kriegsgeschrei vorzuziehen ist. Ehrlich? Jeder gute Talkshow-Gastgeber hätte jetzt nachgefragt, warum Hillary als Außenministerin keinen Versuch gemacht hat, in diplomatischer Mission nach Nordkorea zu fliegen, wo sie doch so viel in der Welt herumgeflogen ist. Wäre interessant gewesen, hätte aber die Harmonie womöglich gestört und blieb daher ungefragt.

Erst einmal ist überhaupt jemand Hochrangiges aus einer US-Regierung seit dem Ende des Korea-Kriegs 1953 in Pjöngjang gewesen. Das war im Jahr 2000 und es war Madeleine Albright, Bill Clintons Außenministerin. Es war ein Versuch, ein Anfang, dem nichts folgte. Vielleicht wollte Hillary nichts riskieren? Vielleicht war ihr Nordkorea nicht so wichtig? Ein bisschen Selbstkritik wäre ehrenwert, oder?

Fox News ist der Trump-Verherrlichungs-Sender. Ein unerschöpfliches Reservoir an ins Surreale gestylte Schönheiten tritt als Cheerleader mit Pompons und kurzen Röckchen auf. Apologeten befragen andere Apologeten, ob sie nicht auch der Meinung sind, dass Trump alles richtig macht und bekommen darauf Antworten wie Brunftschreie.

Ironischerweise hat Fox Schwierigkeiten eine neue männliche Quoten-Heilsfigur zu finden, die Bill O’Reilly ersetzen könnte. Der war Abend für Abend wie eine Reinkarnation von Robespierre, musste aber abtreten, weil er offenbar trumpmäßig Frauen übermäßig nahe kam. Als herauskam, dass er deren Schweigen erkauft hatte, entließ ihn Fox. Tucker Carlson hat die besten Chancen auf die Nachfolge: sieht gut aus, stellt rasiermesserscharfe Fragen und verleiht noch dem größten Schwachsinn Trumps höhere Weihen.

Präsident Trump wird irgendwann verschwunden sein. Was aber bleibt, ist die Zerstörung der demokratischen Öffentlichkeit, in der sich Gläubige mit Gläubigen austauschen und Gegenargumente nicht einmal mehr ignoriert werden. Das gilt für beide Lager, die sich im Fernsehen widerspiegeln, für Fox hier und MSNBC dort, auch für das betuliche CNN. Ein Trauerspiel.

In der vorigen Woche hat uns Donald Trump übrigens mit Tiraden über den Raketenmann verschont. Gut so. Wir haben sie nicht vermisst. Sein Außenminister Rex Tillerson flog nach Peking und bekam dort eine Menge Fragen gestellt, deren Antworten wir alle gerne mitgehört hätten. Wer würde nicht gerne wissen, was Amerika eigentlich will – Kim Jong-un loswerden oder nur seine Raketenversuchsserie stoppen? Unter welchen Voraussetzungen wären diplomatische Verhandlungen denkbar? Und worum könnte es dabei gehen?

Gute Fragen, rationale Fragen, pragmatische Fragen. Am Sonntagabend twitterte Donald Trump, es sei Zeitverschwendung mit dem kleinen Raketenmann zu verhandeln. Was denn nun?

Eigentlich gibt es nur einen Mann, den Trump nicht zu beleidigen wagt. Der Mann ist groß, sieht immer ein bisschen traurig aus der Wäsche und meidet die Öffentlichkeit. Er heißt Robert Mueller, war einmal FBI-Chef und ist seit Mai Sonderermittler. Er untersucht die Russland-Verbindungen des Trump-Lagers und zieht ruhig, aber entschlossen seine Kreise. So hat er Paul Manafort wissen lassen, dass er ihn anklagen will.

Manafort war Trumps Kampagnenchef vor der Wahl gewesen und wollte angeblich einem russischen Oligarchen und Geschäftspartner persönliche Informationen zukommen lassen. Manafort hat allerlei Geschäfte mit allerlei bunten Leuten gemacht und war eine Zeit lang unentbehrlich für Trump. Manafort hat viel zu verlieren. Er könnte versucht sein, einen Handel mit der Staatsanwaltschaft einzugehen: Straferlass gegen Trump-Insiderwissen. Dann wird es richtig spannend.

Mueller ist unbequem. Mueller ist eine Gefahr für Trump. Vom Weißen Haus verlangt er Unterlagen über allerlei Gespräche, die ihm wichtig zu sein scheinen. Mueller gräbt und gräbt und ist unantastbar. Ihn zu entlassen, wäre gefährlich, obwohl Trump vermutlich nichts lieber täte.

Erst wenn er auch diesen Mann beleidigt, wissen wir, dass der Anfang vom Ende gekommen ist.

 

Comment

Comment

Seid vorsichtig mit euern Wünschen

Seit einer Woche bin ich in Amerika, momentan in Salt Lake City, dem Jerusalem der Mormonen, einer der saubersten Städte im ganzen Land, umgeben von herrlichen Bergen und wunderbaren Tälern. Natürlich reise ich  herum, um mich frisch aufzutanken. Nichts geht über Anschaulichkeit, nichts über Gespräche mit interessanten Leuten, nichts über Empirie. Ich halte Vorträge, werde herumgereicht, wie das eben so ist, wenn unsereins unterwegs ist. Ich habe viele Fragen, ich will ja dazulernen, ich stelle sie auch, aber statt erhellender Antworten prasseln Gegenfragen auf mich ein.

Sie wollen alles über uns wissen, über Angela Merkel, über die Flüchtlinge, ob sie geschwächt aus der Wahl hervorgehen wird, über die deutsche Vormacht in Europa und die Rolle in der Welt, sie fragen, ob wir bald auch so gespalten sein werden wie Amerika, ob es kleine Trumps gibt und ob wir sie in Schach halten können.

Sie bewundern die Bundeskanzlerin, so viel Wertschätzung kommt ihr schon lange zu, aber heute um so mehr. Der „New Yorker“ überschrieb seinen Artikel über Angela Merkel  „Die mächtigste Frau in einer Welt instabiler Männer“. Die noch gestiegene Anerkennung beruht darauf, dass sie charakterlich das genaue Gegenteil von The Donald ist: umpompös, unbombastisch, unlaunisch, analytisch, allzeit beherrscht. In einer Welt der Auflösung wird Kontinuität zu einem Wert an sich.

Was bei uns Deutschen Langeweile oder Überdruss oder Schadenfreude auslöst, auch unter uns Journalisten, wäre aus amerikanischer Sicht ein Segen, eine Erholung von der Dauerberieselung mit infantilem Gerede und blödsinnigen Tweets, von denen sie nicht wissen, wie viel reale Gefahr darin steckt. Ein Lob der Langeweile, sagte gestern jemand im Spaß und meinte es ernst.

Wir Deutsche wünschen uns mehr Politisierung. Wir haben den lauen Wahlkampf und das geringe Maß an Polarisierung beklagt. Wir hätten gerne mehr davon und wir bekommen ja auch mehr davon. Mehr Pathos, mehr Leben in der Bude, mehr Gegensatz.

Seid vorsichtig mit euern Wünschen, lautet ein altes Sprichwort. Meine Gesprächspartner ziehen das Gegenteil vor, sie hoffen inständig darauf, dass Trump der Wendepunkt ist: nach ihm weniger Politisierung, weniger Hass, weniger loses Gerede, weniger Kriegsgeschrei auf Fox News, wo als Journalisten getarnte Politkommissare Fragen mit dem Fallbeil stellen. Mehr Langeweile wäre für Amerika ein zivilisatorischer Fortschritt. 

An einem Nachmittag war ich in der „Salt Lake Tribune“ eingeladen. Das ist eine richtig gute, klassische Tageszeitung, die in diesem Jahr einen Pulitzerpreis für lokale Berichterstattung bekam. Die Trophäe steht in einem Schrein unter Glas. Die Chefredakteurin hatte ungefähr 25 Redakteure mitgebracht. 

Sie waren höflich, sie haben ein paar meiner Fragen beantwortet, ungefähr fünf Minuten lang. Die nächsten 60 Minuten quetschten sie mich aus. Sie wollten wissen, was Deutschland stabil macht. Sie wollten wissen, ob Angela Merkel Überzeugungen hat. Sie kannten sich aus. Ich erzählte ihnen von unserem komplizierten Wahlsystem und vom Zwang zu Koalitionsregierungen, die bisher einigermaßen besänftigend gewirkt hätten, indem sie die Gegensätze eindämmten.

Ich kann mich erinnern, dass unsere politische Stabilität schon einmal in den siebziger Jahren Erstaunen erregte. Briten und Franzosen diskutierten darüber, ob sie ihr Wahlsystem nicht besser ändern sollten. Das Prinzip, wonach der Gewinner alles bekommt und auch der knappste Verlierer leer ausgeht, ist ja eigentlich ungerecht. Hillary Clinton bekam insgesamt mehr Stimmen als Trump, aber nicht in den richtigen Bundesstaaten.

Bei uns ändert sich gerade etwas, habe ich an diesem Nachmittag erzählt und einen kurzen Abriss der AfD-Geschichte gegeben: nationalkonservative Partei mit rechtsradikalen Einschlägen, Produkt von Eurokrise und Merkels  humaner Flüchtlingsaufnahme. Sind das eure Trumps?, wollte ein Redakteur wissen. Ja, das sind sie, ähnliche Systemverachtung, ähnliche Ressentiments, ähnliche Xenophobie, Deutschland zuerst.

Sind die kleinen Trumps heute, was die Grünen damals waren, eben nur von rechts und besser angezogen? Gute Frage. Euer politisches System zwingt so fabelhaft zur Anpassung, bei euch drängt alles zur Mitte, auf die Dauer, sagt ein erfahrener Auslandskorrespondent. Schon wär’s, mal schauen, sagte ich, aber auch, dass ich mir nicht sicher bin, ob es die alte Wirkung auf die neue Formation ausübt.

Am Donnerstagabend hielt ich einen Vortrag im Alta Club, gegründet 1883 von Bergbauunternehmern nach britischem Vorbild, dunkles Holz, hohe Lederstühle sehr gediegen. Eine bunte Auswahl des örtlichen Bürgertums hörte zu, Anwälte, Investmentbanker und Fondsmanager; es ging um das Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika. Danach unterhielt ich mich mit einer prominenten Geologin, die mir erzählte, sie sei eigentlich widerwillig gekommen, sie habe sich aus der Wirklichkeit zurückgezogen („I am disengaged“), sie ertrage das lose Gerede über Krieg und den Irrsinn in Washington nicht mehr. Da gehe sie lieber ihren geologischen Studien nach. Jetzt aber wolle sie mir sagen, dass sie mich darum beneide, dass ich gut regiert würde, sie würde gerne mit mir tauschen.

Es kommt immer wieder vor, dass unsereins im Ausland als Autorität über das, was vor sich geht, angesehen wird. Man gewöhnt sich daran, aber nie ganz. Es ist einfacher, Fragen zu stellen als zu beantworten. Aber diesmal ist es anders, intensiver, anstrengender. Da ist Verzweiflung und Ratlosigkeit zu spüren. Trump treibt vielen Menschen die Zuversicht aus. Deshalb schaut das große Amerika auf das kleine Deutschland und fragt sich, was Amerika falsch macht und was Deutschland richtig. Und das kleine Deutschland sollte einen Gedanken darauf verschwenden, dass es trotz aller Wirrungen und Veränderungen nicht doch ziemlich gut dran ist.

 

 

 

Comment

Comment

Das Ende der Clintons

Weiß würde sie tragen, die Farbe der Suffragetten, ihrer Heldinnen, die vor mehr als hundert Jahren angefangen hatten, was sie vollenden würde. Natürlich hatte sie auch die Rede im Kopf, die sie halten wollte, wenn sie als erste Frau auf den ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten folgte. Ein Traum. Das Ende eines langen Weges voller Demütigungen und Rückschläge. Aber egal, es stand ihr zu, ihrem Verstand, ihrem Wissen, ihrer Erfahrung, ihrem Können. Und gegen diese Witzfigur, diesen Lügenbeutel, konnte niemand verlieren und sie schon  gar nicht.

Es war in der langen Wahlnacht zum 9. November 2016. Hillary Clinton schlief kurz ein und als sie wieder zu sich kam, da wusste sie, dass sie nicht weiß tragen würde und eine andere Rede halten musste. Sie würde ihr Helferheer trösten und sich bei ihren Geldgebern entschuldigen. Sie würde stark sein und erst dann schwach. Daheim, allein.

Eine Limousine brachte sie ein paar Tage später nach 15 Old Hause Lane in Chappaqua, in das ländliche Anwesen, das die Clintons gekauft hatten. Manchmal wollte sie nichts als in die Kissen heulen. Sie ging im Wald spazieren, und wir ahnen, dass sie ohne Visagistin und Haarstylisten auskam. Sie las die Bücher von Elsa Ferrante und schaute ein paar alte Folgen von „The Good Wife“ an. Keine schlechte Wahl, das ist eine richtig gute 120-Folgen-Serie, die davon handelt, wie sich eine brave Ehefrau und Mutter von ihrem korrupten, fremdgehenden Politiker-Ehemann emanzipiert, in dem sie in ihren alten Beruf als Anwältin zurückkehrt und eine späte Karriere hinlegt. Hätte sie vielleicht auch machen sollen.

Hillary Clinton hat eine grausame Niederlage erlitten, denn im Weißen Haus sitzt er, das Irrlicht, der Nichtswisser, der seinen reichen Freunden schöne Gesetze schenken möchte. Jeder Tag, jede Nachricht, jeder Tweet erinnert sie an das widerfahrende Leid. Donald Trump war doch der letzte, gegen den sie, Hillary Rodham Clinton, verlieren konnte. Aber sie konnte. Trump ist ihr Werk, es gibt genügend Hillary-Freunde, die so denken. Wie wird ein Mensch damit fertig? Wie lange dauert es, bis er sich damit aussöhnt?

Jimmy Carter kehrte zu seinen Ursprüngen zurück und tat gute Werke. Al Gore verschwand in der Versenkung und kam nach einigen Jahren als Ökopapst und Friedensnobelpreisträger zurück. Hillary Clinton aber ist keine Frau, die sich Trauerzeit gönnt. Mit 69 Jahren hat sie nicht viel Zeit für den tiefen Blick in die Seele. Also schrieb sie wieder ein Buch, das seit ein paar Tagen auf dem Markt ist. „What happened“ heißt es, das lässt sich hübsch doppeldeutig übersetzen. Es kann heißen: „Was zur Hölle ist da passiert?“ Aber auch: „Was ist mir da zugestoßen?“

Ich gestehe, ich habe von Hillary Clinton nie viel gehalten. Sie war wie Bill, aber nicht so virtuos. Die Politik hat beide in neue Sphären gehoben. Das kann bescheiden machen, aber so sind sie nicht. Immer erweckten sie den Eindruck, als schuldeten ihnen andere etwas, als stünde ihnen zu, was sie wollten, als gälten Regeln und Gesetze für andere, aber nicht unbedingt für sie. Bill baute eine einzigartige Macht- und Geldmaschine auf und damit wollte Hillary die Wahl gewinnen, die sie verlor.

Die beiden Clintons waren besonders, und weil sie besonders waren, kamen sie immer durch. „I didn’t have sex with this woman, Ms. Lewinski“ – ein grandioser Satz, der von Donald Trump stammen könnte, der sicher noch genüsslich den Unterschied zwischen Blow Job und Penetration erklärt hätte. Hillary verschickte dienstliche E-Mails privat und versuchte sich so windig herauszureden, wie die Clintons sich immer herausgeredet haben.

Aber die Clintons sind Vergangenheit. Hillary war schon überständig, auch wenn sie wie eh und je irrsinnig viel Geld einsammelte und viele junge Idealisten um sich scharte. Die Maschine lief leer. Nichts passte zusammen. Hillary redete und redete und wurde hektisch. Sie wollte links wie Bernie Sanders sein und konservativ wie die Spender aus der Wall Street, ein Ausbund an Erfahrung und eine weiche Frau. Wer alles zugleich sein will, ist am Ende zu wenig.

Schuld an der Niederlage sind im Buch viele, vor allem viele andere. Bernie Sanders, der seine Skepsis nicht verbarg, auch als er sie unterstützte. Der FBI-Chef, der in der letzten Wahlphase verkündete, wegen der E-Mails würde noch einmal ermittelt. Barack Obama, der sie ungenügend verteidigte. Die Russen, Julian Assange. Der böse Trump, von dem sie sich im Fernsehstudio wie von einem Stalker bedrängt fühlte.

Das Entscheidende bleibt in diesem Buch ungesagt. Amerika hat die Clintons satt. Das weiße und das reiche Amerika hat sich einen Anführer gesucht, der das Gegenteil der Clintons und auch Obamas ist, ein ökonomischer Nationalist, der der Welt sagen will, wo es lang geht, dem dicken Kind in Nordkorea, den bornierten Schuldnern in der Nato und auch diesen arroganten Chinesen. Mal kurz Syrien bombardieren, mal kurz mit dem Atomkrieg drohen, mal kurz 800 000 Jugendliche deportieren (oder vielleicht doch nicht oder womöglich erst später).

Hillary Clinton hat übersehen, was sich anbahnte. Sie konnte es sich nicht vorstellen, dass Amerika die Clintons nicht mehr wollte. Das Weiße Haus stand ihr zu, nicht wahr. Sie hatte es doch mit Bills vereinbart: erst er, dann sie. Sie fühlt sich schuldig, sie leidet, sie hat Amerika im Stich gelassen. War sie vielleicht die einzige, gegen die er, dieser Trump, gewinnen konnte? Kissengedanken. Waldspaziergangsalbträume.

Es gibt eine Überlegung, die Hillary Clinton entlastet. Amerika neigt periodisch zu Übersprungshandlungen und ersetzt dann den alten Präsidenten durch das genaue Gegenteil. Einen größeren Gegensatz zu Barack Obama als Donald Trump kann man gar nicht erfinden. Was daraus folgt? Die Demokraten sollten schleunigst die Clintons hinter sich lassen und einen (oder eine) unter sich auswählen, der (oder die) jung und begabt ist und das Zeug dazu hat, Präsident zu werden. Er oder sie sollte das Gegenteil von Trump sein, aber das ist ja wohl leicht.

 

Comment

Comment

Die Krabbe und die Wale

Ein altes koreanische Sprichwort lautet, dass die Krabbe im Kampf der Wale zermalmt wird. Historisch gesehen ist Korea die Krabbe und die drei Nachbarn China, Japan und Russland sind die Wale, die aus der Krabbe nach Belieben eine Kolonie oder einen Vasallen machten. Im Grunde hat sich bis heute daran nichts Entscheidendes geändert, Geographie bleibt nun einmal Geographie, nur dass Nordkorea sich nicht mehr gängeln lassen möchte, auch nicht von China, und Südkorea allergisch reagiert, wenn der amerikanische Verbündete über einen Atomkrieg schwadroniert. Kein Wunder, dass der Wunsch, endlich Subjekt seiner Geschichte zu sein, gewachsen ist.

Die besseren Chancen auf ein höheres Maß an Nicht-Abhängigkeit hat der feiste Knabe in Pjöngjang. Vor sechs Jahren, da war er 27, folgte er auf seinen Vater und hat seither 84mal Raketen testen lassen. So viel man weiß, verfügt Nordkorea über zwanzig bis sechzig Nuklearsprengköpfe und Interkontinentalraketen, die weit entfernte Ziele wie Chicago treffen können. Wenn es gelingt, das eine, die Sprengköpfe, auf das andere, die Raketen, zu bringen, ist Nordkorea endgültig das, was es nicht sein sollte, eine Nuklearmacht. 

In einem hellsichtigen Moment hat Donald Trump gesagt: Ich werde daran gemessen werden, wie ich mit Nordkorea umgehe. Das stimmt, und deshalb will ich jetzt nicht an den gefährlichen Unsinn erinnern, den er auch noch von sich gegeben hat, bei jedem neuen überirdischen oder unterirdischen Raketentest. Nordkorea wird zum geostrategischen Maßstab für diesen Präsidenten, weil die Krabbe nicht mehr Krabbe sein möchte und jetzt von zwei Walen geschützt wird, was den fernen Wal, der gerne ein Hai wäre, in den Wahnsinn treibt.

Das kann ich sogar gut verstehen. Nordkorea ist so ziemlich das letzte Land, das sich die Welt nuklear hochgerüstet wünschen kann. Hinzu kommt, dass wir alle wenig darüber wissen, wie es im Inneren wirklich aussieht und in welchem Zustand Nordkorea ist. Evan Osnos, ein Reporter des wunderbaren „New Yorker“ durfte sich gerade, bestens kontrolliert versteht sich, im Land umtun und mit (ausgewählten) Leuten reden. Er lernte, dass Kim Jong On einen kleinen Schwarzmarkt zulässt, dass eine kleine Mittelschicht entstanden ist und weniger Hunger herrscht als zu Vater Kims Zeiten. 

Am interessantesten fand ich, dass Osnos von den Nordkoreanern die spiegelbildlichen Fragen gestellt bekam, die wir an Nordkorea stellen: Will Trump Krieg? Würde der Kongress zustimmen? Wollen die Amerikaner wirklich, dass unser Land überfallen wird?

Niemand will einen Atomkrieg. Auch wenn der junge Mann in Pjöngjang und der alte Mann in Washington sich kongenial hochschaukeln, wird es soweit nicht kommen. So viel Optimismus soll in dieser Kolumne künftig herrschen und in diesem Geist wird sie sich der Chronik der Ereignisse fortan widmen. Vorneweg drei Punkte und eine Schlussbemerkung:

 

  1. Der Konflikt mit Nordkorea ist ein Vorbote. Die Weltgeschichte verlagert sich nach Asien. Diese Entwicklung ist überfällig, schon Barack Obama hat davon gesprochen, dass der Indische Ozean das Weltmeer des 21. Jahrhunderts sein wird. Dort bilden sich neue Allianzen, und es kommt darauf an, ob sich Amerika in Gestalt von Donald Trump darauf versteht, Japan und Südkorea als Verbündete zu behalten und andere Krabben, wie Vietnam oder Burma, vor dem neuen großen Wal China zu schützen.
  2. Dass ein Präsident im Weißen Haus sitzt, der America first zum Maßstab macht, ist unter diesen Umständen verhängnisvoll. Gefallen daran findet China. Keinen Gefallen an Irrlichterei finden Japan und Südkorea.
  3. Ohne China hätte Nordkorea keine Nuklearwaffen. Richtig spannend könnte es werden, wenn China eines Tages vorschlagen würde: Nordkorea verzichtet auf sein Atomprogramm, falls Amerika seine Truppen und Atomwaffen aus der Region abzieht. Was dann?
  4. Schlussbemerkung: Welche Rolle Europa in dieser Welt spielen wird, hängt von Europa ab. Da ist es ein gutes Zeichen, dass sich die deutsche Bundeskanzlerin als Vermittlerin in Nordkorea anbietet. Momentan ist an Diplomatie nicht zu denken, das kann sich aber ändern. Wir wollen ja nicht die nächste Krabbe sein, oder?

 

 

 

 

 

 

Comment

Comment

Höllischer Spaß am Feuer

Zum zweiten Mal in der Geschichte der Republik zieht eine Gruppierung in den Bundestag ein, die aus einer Bewegung stammt und noch keine richtige Partei ist. Sie strotzt vor Selbstbewusstsein über ihre historische Mission und steckt voller ominöser Vorsätze. Ihr betagter Anführer Alexander Gauland verstieg sich gezielt zu dem Satz, die AfD werde „Frau Merkel jagen“. Womit und wohin? 

Die erste Gruppierung, die als Bewegung geboren wurde und noch nicht Partei war, sind natürlich die Grünen. Auch sie wollten anders sein, eine Antiparteienpartei, wie Petra Kelly, eine ihrer vergessenen Ikonen, damals deklarierte. Sie kamen aus der außerparlamentarischen Opposition der siebziger Jahre. Angefangen hatten sie in der Ökologie- und Antikernkraft-Bewegung, unter ihnen waren konservative Umweltschützer, brave Hüter von Wald und Flur, aber auch linksradikale Systemkritiker, die ihre winzigen Sekten, in denen sie Mao gehuldigt und Stalin rechtfertigt hatten, fluchtartig verließen, als sich die Chance bot, Politkommissare der neuen Gruppierung zu werden. Vier Jahre nach ihrer Gründung zogen die Grünen 1983 mit Pflanzen und im Strickpulli in den Bundestag ein, feindselig beobachtet von den verachteten „etablierten Parteien“. Ihr fester Vorsatz hieß: Fundamentalopposition. Ihr Feind: Helmut Kohl.

Viele Grüne kamen von ganz links und wollten es unbedingt bleiben. Viele aus der AfD kommen von ganz rechts und wollen es auch bleiben. Auf sie zielte Alexander Gauland mit einem bemerkenswerten Satz, der zu Unrecht in der flüchtigen Empörung unterging. Er sagte, dass genau so wie die Franzosen ihren Napoleon und die Briten Lord Nelson und Winston Churchill verehrten, dürften auch die Deutschen verehren – ja, aber wen denn? Konsequent in der Reihe der Heroen wäre natürlich gewesen, jetzt einen großen deutschen Namen zu nennen, meinetwegen Bismarck, aber eigentlich lag ihm Hitler auf der Zunge, und die Rechtsradikalen in der AfD verstanden ihn genau so, auch wenn  Gauland im letzten Augenblick einen Schwenk vornahm und die tapferen deutschen Soldaten als verehrungswürdig bezeichnete. Da spielt ein hochgradig intelligenter, belesener Mann, den die Popularität im späten Leben trunken macht, mit dem Feuer und hat höllischen Spaß daran.

Momentan schauen wir noch entgeistert und wie unter Schockstarre auf dieses neue Phänomen, das bürgerlich konservativ bis rechtsradikal gestimmt ist. Es begann mit der Eurokrise und Pegida und mit der ressentimentgetränkten Wut auf Flüchtling. Währenddessen verhandeln die Grünen wohlgesetzt mit der Kanzlerin und der FDP um Teilhabe an der Regierungskoalition. So kann es gehen, so ist es gegangen mit den Grünen, längst sind sie mitten in der Gesellschaft angekommen, von der sie sich einst schaudernd abgegrenzt hatten.

Die Geschichte der Grünen ist eine Lehre dafür, dass Bewegungen nicht folgenlos in Parlamente einziehen. Wenn sie so bleiben wollen, wie sie sind, halten sie sich am besten fern. Denn aus Bewegungen entstehen Parteien, wenn sie sich nicht einmalig, sondern dauerhaft um Sitze im Landtag und im Bundestag bewerben. Und die Parteien mendeln sich, sie häuten sich, sie werfen Ballast ab. Dem Anfang mag ein Zauber innewohnen, aber darauf folgen Macht- und Sachkämpfe, die der Verwandlung einer Bewegung in eine Partei eine eigenartige Tiefenschärfe geben. Erinnert sich noch jemand an Jutta Ditfurth? An das Hamburger Duo Infernale Trampert/Ebermann?

Dass Duo Infernale der AfD sind Alexander Gauland und Alice Weidel. Unzweifelhaft ist Gauland der Kopf, der die Ausweitung ins völkisch Nationale betrieben hat. Die Dauer seines Einflusses dürfte jedoch begrenzt sein, er ist 76 Jahre alt. Er kommt aus der CDU und er  will die CDU so in die Knie zwingen, wie Oskar Lafontaine die SPD um die Macht bringen wollte. Aber welchen Dreh gibt Gauland der AfD in den nächsten vier Jahren? Am ehesten dürfte ihm eine bundesweite CSU vorschweben, die irgendwann stärker sein soll als die CDU und die konservativen Werte hütet wie einen Augapfel. Dafür braucht er den enthemmten rechten Rand heute, doch morgen vielleicht schon nicht mehr.

Ob es uns gefällt oder nicht, die AfD ist da und an ihr hängt es, ob sie da bleibt oder wieder verschwindet. Bleibt sie, werden in den Parlamenten Veränderungen über sie kommen, wie sie über die Grünen gekommen ist. Die Trennung in Realos und Fundis gehört dazu. Unser ganzes politisches System ist auf Teilnahme ausgerichtet, und wer wie die AfD binnen kurzem in die Parlamente gewählt wird, bekommt Kräfte zu spüren, die auf ihn einwirken. Dabeisein heißt immer auch mitmachen. Und immer gibt es in den Bewegungen eine kleine Clique, die Spaß am Mitmachen entwickelt und über das bloße Dabeisein hinaus gehen möchte. Dafür wirbt sie dann und stellt die Machtfrage: Wenn wir schon in Parlamenten sitzen, sollten wir nicht auch mit regieren, vielleicht erst in einem Bundesland und dann in Berlin? Ist Opposition auf Dauer nicht Mist?

Unser Wahlsystem ist auf Wiederspiegelung der gesellschaftlichen Verhältnisse angelegt. So kommt es, dass neue politische Phänomene, die ein gewisses milieuhaftes Fundament haben, ziemlich schnell in Parlamente einziehen können. Sie mögen die Illusion haben, dass sie alles ändern werden, ohne sich selber zu ändern. Gut, dass es nicht so ist. Im Gegenteil, sie müssen sich morgen ändern, ob sie es heute wollen oder nicht. Und wenn es gut geht, verlieren sie dabei an Unansehnlichkeit, an frei flottierendem Irrsinn und im Fall der AfD an hetzerischer Erinnerung an die böse alte Zeit.

Die Erfahrung lehrt, dass wir auf den Parlamentarismus als Motor der Integration und auf die läuternde Kraft der Demokratie vertrauen können. Das ist ein tröstlicher Gedanke im Meer der Aufregung über die Veränderungen, die vor unseren Augen passieren.

 

 

 

 

Comment

Comment

Amerikas Präsident

 

Schluss mit dem Gehechel

In einem Jahr ist Donald Trump fällig und sein Amt wieder los - da war sich unser Autor mal sicher. Aber heute? Trotz aller Skandale: Nach Impeachment oder Ähnlichem sieht es nicht aus.

Von Gerhard Spörl

Montag, 26.06.2017   13:36 Uhr

In der Nacht, als Donald Trump zum amerikanischen Präsident gewählt wurde, gab ich ein Interview und behauptete, er werde innerhalb eines Jahres abgesetzt werden. In den Wochen danach ging ich schon vorsichtiger Wetten ein: zwei Jahre, meinte ich nun.

Mein Morgen beginnt mit der Lektüre der "New York Times" und des "New Yorker", ehrwürdigen Publikationen, die zu großer Form aufgelaufen sind, seit The Donald im Weißen Haus wütet und twittert. Ich liebe diese präzise Berichterstattung, der man anmerkt, dass sie dem Land beweisen will, wie gut, wie wichtig, wie demokratisch unerlässlich die Presse ist. Die Botschaft lautet Tag für Tag: Wir kriegen dich, denn du bist nicht würdig, Amerika zu führen, geschweige denn die Welt.

Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der seine tägliche Dosis braucht. Ich habe Mühe damit, dem Irrsinn ohne Erinnerungsverlust zu folgen. Am liebsten lese ich wöchentliche Zusammenfassungen und merke dann immer, dass ich schon wieder vergessen habe, was am Montag auf Twitter abgesondert und dann am Mittwoch auf Fox News behauptet wurde. Ich bin schon ziemlich alt und an allerlei Menschliches gewöhnt. Ich habe JFK betrauert und Ronald Reagan überlebt, aber Trump ist einzigartig, er übertrifft alles, er ist die Gegenrevolution.

Und ich bin bestimmt nicht der Einzige, der allmählich nachdenklich wird. Geht ja schon ziemlich lange so mit ihm. Könnte sein, dass es so schnell nichts wird mit der Absetzung. Es ist ja auch ziemlich kompliziert, einen Präsidenten durch ein Impeachment abzuservieren. Richard Nixon war fällig, deshalb gab er auf, bevor das Verfahren eingeleitet werden konnte. Bill Clinton hatte die Wahrheit lachhaft gebeugt ("Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau, Ms Lewinsky"), kam aber mit einer Rüge davon.

Nachdenklich wurde ich, als ich im "New Yorker" ein wunderbares Stück von David Remnick las, Chefredakteur des Magazins. Der Titel: "Who in the White House will turn against Donald Trump" - frei übersetzt: Wer liefert ihn ans Messer? Die Geschichte, die Remnick erzählte, handelte von einem Mann namens Alexander Butterfield, der zu Nixons Zeiten im Weißen Haus arbeitete und eines Tages den Auftrag erhielt, im Oval Office ein Abhörsystem einzurichten; niemand sollte davon wissen; bei allen Gesprächen lief von nun an heimlich das Band.

Als die Ermittlungen gegen Nixon richtig losgingen, wurde auch Butterfield vernommen. Dann kam die alles entscheidende Frage, ob es Bandaufnahmen gebe. Butterfield sagte ja. Damit war Nixon geliefert.

Natürlich schrieb Remnick diesen Artikel am 16. Juni nur aus einem einzigen Grund: zur Ermunterung des neuen Butterfield im Weißen Haus. Du kannst Geschichte schreiben! Befrei uns von dieser Tragödie!

Bei Trump wirkt vieles verdächtig - aber was nützt uns das?

Mir bereitete die Lektüre Unbehagen. So sehr wünschen wir uns also, dass der Spuk vorbeigeht. So sehr schreiben, denken und wetten wir uns das Ende herbei. So weit lassen wir uns treiben. Selbst ein so kluger, besonnener Mensch wie David Remnick befindet sich im Ausnahmezustand. Und ich mich mit ihm.

Aber was haben wir eigentlich in der Hand? Dieses seltsame Fraternisieren mit den Russen riecht nach Unrat, doch wenn nichts wirklich Aufregendes passiert, bricht es The Donald nicht das Genick. Es erinnert an den Versuch der Republikaner, Bill Clinton wegen eines Grundstücksgeschäfts daheim in Arkansas zu hängen, das war die heute zu Recht vergessene Whitewater-Affäre. Oder die permanente Vermischung von Amt und Geschäft der ganzen Familie Trump: ist schändlich, lässt sich jedoch nicht zum Riesenskandal aufblasen. Noch nicht. Oder das Feuern des FBI-Chefs: gefährlich, aber deswegen ein Impeachment?

Amerika wählt immer das Gegenteil des jeweiligen Amtsinhabers. Trump ist der Anti-Obama. Die jeweiligen Gegner des jeweiligen Amtsinhabers verhalten sich jeweils gleich. Sie versuchen sofort und aufgeregt, den Typen wieder aus dem Weißen Haus zu vertreiben. So erging es Obama, so ergeht es Trump. Und ich spiele das hysterische Spiel diesmal mit.

Wenn das Hecheln mal nachließe

Vielleicht sollten wir mal innehalten. Vielleicht sollten wir mal wieder die gute, alte Skepsis walten lassen. Kann sein, dass gerade die ständige Aufregung zur Stabilisierung im Weißen Haus beiträgt. Wäre jedenfalls besser, wenn das Hecheln nachließe. Wäre bestimmt gut, mal wieder stärker zu beachten, was in der Welt los ist.

Was mich wirklich beunruhigt: Nordkorea und Saudi-Arabien. Der Diktator in Pjöngjang, der diesen armen Amerikaner schnell noch halbtot aus dem Land schaffen ließ und andauernd Bomben testet, ist eine echte Gefahr für die Welt. Und Saudi-Arabien, ermuntert durch Donald Trump, verwandelt den Stellvertreterkrieg mit Iran, der in Syrien tobt, in eine direkte Konfrontation. Wohin soll das denn führen? Und die unentbehrliche Weltmacht USA weiß nicht, was sie tut, weil der Präsident im Weißen Haus nicht weiß, was er tut, weshalb er schnell mal einen syrischen Kampfjet vom Himmel holen lässt, was zwangsläufig zu Ärger mit Russland führt.

Ich habe mir vorgenommen, keine neuen Wetten einzugehen. Was er in der Welt tut oder sein lässt, entscheidet über Trump. Es ist ja einfach so: Wenn er sich erledigt, erledigt er sich selbst.

 

Verwandte Artikel

Comment

Comment

Zum Tode Helmut Kohls

t

Das Zentralgestirn

Gefeiert, gedemütigt, gehasst, geehrt - Helmut Kohls Politikkarriere war ein großes Wechselspiel. SPIEGEL-Autor Gerhard Spörl hat sie jahrelang beobachtet. Ein Rückblick

 

Samstag, 17.06.2017   13:00 Uhr

Als ich ihn kennenlernte, war Helmut Kohl ein sehr großer, schlanker Mann, an dem die Leichtigkeit des übergroßen Talentes auffiel. Er war mein Ministerpräsident, denn ich studierte in Mainz. Dort residierte er, schenkte Wein aus, hielt Hof und sammelte Talente um sich, die sein Licht und seine Nähe suchten. Heiner Geißler war dabei, auch Jahrgang 1930, dem man heute wieder seine Ursprünge anmerkt, die eines radikalen Christen mit anarchischen Zügen. Kurt Biedenkopf, ebenfalls Jahrgang 1930, war bald so etwas wie Kohls persönliche Denkfabrik. Dazu Richard von Weizsäcker, zehn Jahre älter, ein später Starter in die Politik hinein, undenkbar ohne Kohl.

Damals war Helmut Kohl der kommende Star der CDU, die 1969 die Macht verloren hatte. Er war der Reformer, der Unkonventionelle, der Blumen neben sich blühen ließ. Angstlos schien er zu sein, voller Selbstbewusstsein, was kostet die Welt, wo steht das Klavier. Die CDU war nicht meine Partei, aber Kohl gefiel mir.

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1972, das ihn zeigt, wie ich ihn damals sah. Schon schütter das Haar, groß die Brille, steht er breitbeinig da, die Hände hat er in den Seitentaschen seiner Anzugjacke vergraben, die beiden Daumen schauen heraus und zeigen nach unten. Sehr selbstsicher, inszenierte Macht, entschlossen wie John Wayne. Damit erzielte er Wirkung.

Alle pilgerten nach Mainz, alle wollten in seinem Licht stehen. Er war der Magnet. Die anderen, Politiker wie Journalisten, waren die Eisenspäne. Im Jahr 1970 stand im SPIEGEL über ihn zu lesen: "Helmut Kohl ist ein Würdenträger, der das Lachen verbeißt, wenn pathetische Momente nahen. Theaterlust glitzert in seinen Augen, ehe er vor Honoratioren mit Sonntagsröcken in gespieltem Ernst erhebende Lehrformeln hersagt."

Sie mochten ihn zu dieser Zeit, auch die Blätter, die sich später über "Birne" amüsierten und ihn für kanzlerunfähig erklärten. Da war einer, der Bundeskanzler werden konnte. Fast wäre er es schon 1976 geworden, da kam die CDU mit ihm als Spitzenkandidat auf stolze 48,6 Prozent und hängte die SPD (42,6 Prozent) ab, die nur noch knapp mit der FDP weiterregieren konnte, sechs Jahre noch.

Ich mag "What-if-Fragen". Was wäre gewesen, wenn Helmut Kohl schon damals Kanzler geworden wäre? Unwiderstehlich wäre er gewesen. Einer, dem alles gelingt und das auch noch blitzschnell. Mit 46 der jüngste Nachkriegskanzler. Es kam anders, vor allem für ihn. Nichts war von nun an leicht, alles schwer. Das Ausnahmetalent verwandelte sich allmählich in den misstrauischen, rachsüchtigen Helmut Kohl. Die Politik trieb ihm die Lebensfreude aus. Dafür sorgten vor allem zwei Gegner, die sich ergänzten: Franz Josef Straußbekämpfte Kohl, den Provinzheini ohne abendländische Bildung, bis aufs Messer und hätte ihn wohl am liebsten in den Wahnsinn getrieben. Und Helmut Schmidt reizte "den Pfälzer" mit seiner geschliffenen Arroganz grausam effizient. Ich fing gerade als Journalist an und bekam gleich vorgeführt, was Menschen anderen Menschen in der Politik antun.

In diesen für ihn schrecklichen Jahren stieß Helmut Kohl auch die Freunde von gestern ab. Heiner Geißler wollte ihn auf dem Bremer Parteitag im Sommer 1989 stürzen. Dazu kam es nicht, weil Gyula Horn in Ungarn die Grenze nach Österreich öffnete und die Deutschen aus der DDR scharenweise westwärts fliehen durften. Richard von Weizsäcker machte sich zum Kronzeugen gegen den Kanzler ("machtversessen, machtvergessen"), der ihm das nie verzieh. Später, als Kohl schon hinfällig war, ließ Weizsäcker vorfühlen, ob ein Versöhnungsbesuch in Oggersheim willkommen wäre; er war es nicht. Kurt Biedenkopf schrieb kenntnisreiche Bücher über die Politik, wie sie eigentlich sein sollte, wenn es nach ihm, Biedenkopf, ginge.

Morgens am 8. November 1989 flog ich im Journalistentross mit Helmut Kohl nach Warschau. Ein Staatsbesuch, fünf Tage lang, nichts Aufregendes. Am frühen Abend sprach sich rasend schnell herum, dass sich Ungeheures anbahnte. Im Bundestag sangen sie die Nationalhymne. In Ost-Berlin öffneten sie die Schlagbäume. Der Bundeskanzler war am falschen Ort, was für eine Ironie der Geschichte.

Am nächsten Morgen flogen wir nach Berlin. Und dann wurden sie ausgepfiffen, als sie auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses das Deutschlandlied anstimmten, Kohl und Genscher und Momper und Brandt und die anderen. Nicht schön, ziemlich verwirrend, was sollten wir davon halten? Aber egal, die Geschichte nahm ihren Lauf.

Mir kommt es so vor, als hätte Helmut Kohl in diesen entscheidenden Monaten zur alten Leichtigkeit zurückgefunden. Wieder war er der Magnet. Sie hofften auf ihn, die Ostdeutschen, die ihn frenetisch feierten. Kohl verstand schnell, dass Michail Gorbatschow womöglich nicht viel Zeit bleiben würde, sodass er sich mit der Wiedervereinigung beeilen musste. George Herbert Walker Bush vertraute vielleicht nicht den Deutschen, aber Helmut Kohl. Margret Thatcher blieb die ganze Wiedervereinigung ein Gräuel, und doch konnte sie nichts dagegen machen. François Mitterrand drehte einige seltsame Runden und fügte sich dann ins Unvermeidliche.

Helmut Kohl war wie früher das Zentralgestirn. Er kehrte zu seinen Ursprungsstärken zurück. "Glückwunsch, Kanzler", schrieb Rudolf Augstein im SPIEGEL. So haben die meisten von uns gedacht. Irrsinnig viel hatte Helmut Kohl vorher irrsinnig falsch gemacht, aber jetzt machte er das Wichtigste richtig. Zum Glück.

 

Comment

Comment

Das Gesetz der Serie

Zu den Abeninladungsgesprächen in diesen Tage gehört die Frage, wie es überhaupt sein kann, dass ein Mann wie Donald Trump zu einem ernsthaften Kandidaten für die Präsidentschaftswahl aufsteigt. Die Antwort ist oft genug schlichter Antiamerikanismus. Das hilft immer, man kann dann noch einmal die Enttäuschung an Barack Obama beklagen und an den Vietnamkrieg erinnern, und wenn der Abend fotgeschritten ist und die fünfte Rotweinflasche nur noch kümmerliche Reste aufweist, landet die kleine Runde unweigerlich bei den Massakern an den Indianern.

Was mir persönlich mehr zu schaffen macht, ist das Gesetz der Serie in den amerikanischen Wahlen, das mir aufgefallen ist. Es besagt, dass gerne das Gegenteil des Amtsinhabers gewählt wird. Das Gegenteil von Richard Nixon und dessen Vizepräsident Gerald Ford war Jimmy Carter, der fromme und unerfahrene und wohlmeinende Mann aus Georgia. Das Gegenteil von Jimmy Carter war Ronald Reagan, schon erfahren, mit lässiger Arbeitsauffassung ausgestattet, mit großer Intuition und der Neigung, bedenkenlosen Beratern freien Lauf zu lassen. Das Gegenteil von Reagan und dessen Vize George Herbert Walker Bush war Bill Clinton, der junge Mann aus einfachen Verhältnissen in Arkansas, eine riesige politische Begabung mit erstaunlichen Charakterschwächen. Das Gegenteil von Bill Clinton und dessen Vize Al Gore war George W. Bush, nicht besonders helle, nicht besonders ambitioniert, dem 9/11 widerfuhr und zu jeder Menge Fehlentscheiungen antrieb, die Amerikas Ruf weltweit untergruben. Das Gegenteil von George W. Bush und John McCain war Barack Obama, jung und klug und idealistisch gesonnen und von dem Ehrgeiz beseelt, den Fluch zu brechen, der über Amerika lag, weil Republikaner und Demokraten sich gegenseitig lähmten und so das politische System dysfunktional wurde. Wäre er weiß, hätte er mehr erreicht. Da er schwarz ist, radikalisierte sich die weiße Gegenwelt.

Das Gegenteil von Barack Obama ist Donald Trump, der Mann, der Ignoranz für eine Tugend hält, das Produkt des dysfunktionalen Systems, bei dem sich die Republikaner selber zerstörten, der Mann ohne Scham und mit sadistischer Neigung, Gegner zu zerstören. Womit wir bei Hillary Clinton wären, die auf ihre Weise eine Verlängerung der Ära Obama wäre und also, nach dem Gesetz der Serie, nicht die erste Präsidentin werden wird. Für sie wäre es einfacher, das Gesetz der Serie zu brechen, wenn sie nicht Hillary Clinton wäre und die Schwäche der Clintons noch steigern würde: die Neigung zu glauben, dass Regeln und auch schon mal Gesetze für andere gelten, nicht aber unbedingt für sie; die Neigung, die verfolgte Unschuld zu spielen.

Hillary Clintons Chancen im November stünden besser, wenn sie sich als die erfahrene und redliche und empathische Alternative zum dummerhaften und politisch gefährlichen Donald Trump darstellen könnte. Das kann sie aber nicht. Erfahren ist sie, doch sie wird die e-mal-Geschichte als Außenministerin nicht los, weil sie einen privaten Account zu Amtszwecken nutzte, und diesen Umstand zuerst leugnete und dann mühsam zugab, allerdings nicht den untersuchenden Instanzen Reden und Antwort stand. Typisch Hillary, sagen ihre Anhänger resigniert. Deshalb gelingt es ihr nicht, auch nur annähernd so viel Enthusiasmus auszulösen wie Obama vor acht Jahren.

Heute stand in der "New York Times", dass 67 Prozent aller Amerikaner weder Trump noch Clinton für ehrliche Menschen halten. Trump kann das, wie die Dinge liegen, gleichgültig sein. Für Clinton bedeutet diese Einschätzung eine Katastrophe. Für sie ist die Zahl ein Hinweis darauf, dass auch diesmal das Gesetz der Serie gelten könnte.

 

Comment

Comment

Obamas Welt

Zum ersten Mal in seinem Leben hält sich Barack Obama in Vietnam auf. Obama ist Jahrgang 1961 und unbefleckt von diesem Krieg, den John F. Kennedy begann, Lyndon Johnson verschärfte und Richard Nixon so lange und so grausam geführt hat, bis Amerika fast darüber zerbrach und zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern dieser Erde blanker Antiamerikanismus ausbrach.

Das Erstaunliche an Vietnam ist dies: Dieses Land interessiert sich nicht für die Vergangenheit, sondern zuerst und zuletzt für die Gegenwart. In der Gegenwart gibt es einen gelenkten Kapitalismus, der für Wohlstand sorgt und diesen Menschen seit geraumer Zeit Lebenschancen einräumt. Wenn Gespräche ins Politische driften, dann hört man solche Sätze: Mit Amerika haben wir ein paar Jahre lang einen Krieg geführt, mit China haben wir seit Jahrhunderten Probleme.

Amerika und Vietnam haben längst wieder diplomatische Beziehungen. Die wirtschaftlichen Beziehungen verlaufen so gut wie reibungslos. Die beiden Länder arbeiten militärisch zusammen. Vietnam möchte nun Waffensysteme kaufen, Amerika wird sie gerne liefern.

Zu den Paradoxien seiner Amtszeit gehört es, dass Obama seinen Einsichten keinen Raum geben konnte. Er ist der Meinung, dass die Welt dem Nahen Osten zu viel und dem Indischen Ozean zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Dennoch gehört die Gewichtsverlagerung zu seinem Erbe. Dafür sorgt natürlich China.

Japan und Südkorea binden sich enger an die westliche Führungsmacht. Myanmar und Vietnam neigen zu Amerika, weil sie Nachbarn Chinas sind. Andere Länder wie die Philippinen bekommen die Selbstherrlichkeit zu spüren, wenn sie Rechte auf diese seltsamen Eilande im südchinesischen Meer erheben, die China für sich beansprucht.

Es gibt noch ein anderes Erbteil aus den acht Jahren Obama. Die asiatischen Verbündeten fragen sich, wie verlässlich diese Supermacht noch ist und wie sie sich in Konflikten wohl verhalten wird. Jedenfalls ist Amerika nicht mehr die Konstante, an der sich alle ausrichten können und sollen.

Comment

Comment

Väter und Söhne

 

Nachruf Kein anderer Bundespräsident hat die Macht des Wortes so konsequent genutzt wie Richard von Weizsäcker.

Erinnerungen von Gerhard Spörl

30 DER SPIEGEL CHRONIK 2015

E ines Tages erzählte ich Richard von Weizsäcker von meinem Vater. Beide waren Jahrgang 1920. „Wie erging es ihm?“, wollte er wissen. Mein Vater war ein Bauernsohn aus dem Frankenwald, der mit 19 Soldat werden musste, zuerst an der Westfront und dann an der Ostfront. Am 3. Februar 1943 war für ihn der Krieg bei Charkow vorbei: Doppelbeinamputation, zehn Zentimeter unterhalb beider Knie.

Ich wollte gar nicht viel erzählen, er war der Bundespräsident, aber er wollte mehr erfahren: Ob ich viel mit ihm geredet hätte, ob wir uns nahe gewesen seien, wie es mit meiner Familie weitergegangen sei. Warum interessiert ihn das?, fragte ich mich. Ich war damals nur ein junger Bonner Korrespondent der „Zeit“.

Weizsäckers Biografie war unvergleichlich anders, doch der Krieg, der schreckliche, ebnete im Nachhinein offenbar ein paar Unterschiede ein. Und meine Vater-Sohn-Geschichte interessierte ihn vermutlich wegen seiner Vater-Sohn-Geschichte.

Seither glaube ich, dass man Richard von Weizsäcker nicht ohne seinen Vater Ernst verstehen kann. Den Gesandten in Bern, der 1936 sich dafür aussprach, Thomas Mann für seine „feindselige Propaganda gegen das Reich im Ausland“ auszubürgern. Der 1938 zum Staatssekretär im Auswärtigen Amt aufstieg und sich darum bemühte, den Krieg zu verhindern. Wie hätte er das können sollen?, fragte ich mich mit der Verständnislosigkeit des Spägeborenen. Er überschätzte seinen Einfluss. „Mein Vater ging seinen Weg“, sagte der Sohn Richard lakonisch.

Nach dem Krieg stand Ernst von Weizsäcker in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht. Er hatte Deportationsbefehle für französische Juden nach Auschwitz unterzeichnet. Was Auschwitz für Juden bedeutete, habe er nicht gewusst, rechtfertigte er sich. Der Sohn Richard stand ihm als Hilfsverteidiger zur Seite. Er war damals 27, der Vater 65. Der Sohn sagte über sein Verhältnis zum Vater: „Ich hatte vorher in meinem Leben nur selten einmal ein längeres Gespräch mit ihm gehabt.“

Der Sohn sprach den Vater frei. Er hielt ihn für vollkommen unwissend und umfassend unschuldig. Das Gericht verurteilte Ernst von Weizsäcker im Jahr 1949 zu sieben Jahren Haft. 1950 kam er frei. Ein Jahr später starb er.

Die größte intellektuelle Leistung des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war die Rede im Bundestag am 8. Mai 1985, vierzig Jahre nach Kriegsende. Groß ist sie in vielerlei Hinsicht: in ihrem Anspruch, Maßstäbe zu setzen und bleibende Worte zu sprechen; in ihrem Ziel, den Wahnwitz dieser zwölf Jahre auf den Begriff zu bringen und den mannigfaltigen Schicksalen gerecht zu werden – der Irrenden, der Opfer, der Flüchtlinge, der Widerständler. Die Rede hat viele Tiefenschichten, aber nicht zuletzt ist sie eine persönlich gefaäbte Rede.

„Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter“, sagte der Bundespräsident. Das klang auch danach, dass der Hilfsverteidiger seinen umfassenden Freispruch für den Vater revidierte. Oder der Vorsatz, den Weizsäcker gleich darauf formulierte: „Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.“ Die Wirkung dieser Rede beruhte auf der Glaubwürdigkeit, dass hier jemand sprach, der dabei gewesen war, der Schuld auf sich geladen hatte und nun auch selbst um Klarheit rang, um innere Befreiung.

Weizsäcker gelang es in dieser Rede, den Irrenden gerecht zu werden und ihnen den Spiegel vorzuhalten. Die Irrenden waren für ihn die meisten Deutschen, die geglaubt hätten, „für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient“. Diese Dialektik relativierte die Schuld und schloss all die Mitläufer ein genauso wie meinen Vater, der kein Nazi gewesen war, und seinen Vater Ernst, der in die NSDAP und die SS eintrat und dennoch Gefährdeten half.

Wenig war schwarz und weiß damals, viel grau. Dann wurde der Redner Weizsäcker jedoch streng und zog eine Grenze zwischen Schuld und Unschuld: „Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten. Die Fantasie der Menschen mochte für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen. Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausführung der Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah.“

Diese Passagen über die interessengeleitete Nichtwahrnehmung als schuldhaftes Versagen sind wie in Stein gemeißelt. Hier wird niemand mehr freigesprochen, am allerwenigsten die Vä ter-Generation, die an den Schalthebeln der Macht gesessen hatte und sich darauf hinausreden wollte, was Auschwitz gewesen sei, habe man nicht ahnen können.

Als Politiker war Richard von Weizsaäcker ein Späberufener. Seine Verächter, zu denen irgendwann auch Helmut Kohl gehörte, hielten ihm vor, er sei sich für die Ochsentour zu schade gewesen. Das wäre nicht ehrenrührig gewesen, stimmte aber auch nicht. 1974 war Weizsäcker Verliererkandidat bei der Wahl zum Bundespräsidenten. Außerdem verließ er 1981 den Bundestag und ging nach Berlin, genauer gesagt: West-Berlin. Die isolierte, geteilte Stadt war für jeden Kandidaten, der von außen kam, eine Hölle, in der sich die CDU kleinkariert, aggressiv und großmäulig aufführte. Weizsäcker überlebte die Hölle, führte die CDU wieder in die Regierung und verlieh ihr das Flair des Weltläufigen und Liberalen. Er weizsäckerisierte seine Partei und die Stadt.

Was ihn in der CDU zur singulären Figur machte, war sein weitgefächertes Verständnis von Politik. Für Helmut Kohl und dessen Kamarilla war gute Politik das, was der CDU guttat. Politik ging vollkommen in Machtpolitik auf: Auf Kohl kam es an, auf sonst nichts. Weizsäcker zog den Kreis weiter. Für ihn ging es um das Politische einer Gesellschaft, in der es neben den Parteien unabhängige Institutionen wie die Kirchen gab, oder Neulinge wie die Grünen. Dazu besaßen Intellektuelle und Schriftsteller eine Stimme, die zu hören sich lohnte. Die demokratische Ge- sellschaft, sie war viel bunter und reicher als der Parteienstaat dieser westlichen Kohl-Republik. Es konnte gar nicht ausbleiben, dass Weizsäcker, Bundespräsident von 1984 bis 1994, und Kohl, der Bundeskanzler, der ihn zum Präsidenten gemacht hatte, aufeinanderprallten. Dafür sorgte Weizsäcker 1992 mit einem Interview in der „Zeit“. Er nannte die Parteien, vorneweg natürlich den Kanzler, machtversessen und machtvergessen.

Das Urteil saß. Es befreite. Kohl hing es für immer an. Wir Journalisten bekamen die Stichworte frei Haus geliefert, mit denen SPIEGEL und „Zeit“ das Regiment Kohl von nun an kritisierten. Die Macht des Wortes hatte Weizsäcker erneut konsequent wie kein Vorgänger oder Nachfolger (bisher) genutzt. Wie nebenbei hatte er auch sein Amtsverständnis formuliert: Der Bundespräsident sei dazu da, eigene Überzeugungen auszusprechen und nicht etwa vorgeschriebene Papiere der Regierung vorzulesen. Natürlich hatte Weizsäcker diesmal die Grenzen seines Amtes überschritten. Niemand wusste das besser als er. Aber recht hatte er getan und recht gehabt sowieso. Und zu verlieren gab es für ihn nichts, es ging ja auf das Ende der zweiten Amtszeit zu. Gut zwanzig Jahre später, am 31. Januar 2015, stirbt Richard von Weizsäcker.

Mein Vater war lebenslang Sozialdemokrat und kein Freund der Aristokratie. Trotzdem fühlte er sich am 8. Mai 1985 von Weizsäcker einbedacht. In einer Passage über das „Gebirge menschlichen Leids“ zählt Weizsäcker „Verwundung und Verkrüppelung“ auf. Darunter fiel mein Vater.

Erst spät in seinem Leben habe ich entspannt mit meinem Vater über vieles geredet. Ich bot ihm auch an, mit ihm nach Charkow zu fahren, wo er verwundet worden war. Er wollte nicht.

Comment

Comment

Das schwarze Loch

Deutschland möchte sich am Krieg gegen den "Islamischen Staat (IS)" in Syrien und im Irak beteiligen. Wir schicken einen Aufklärungssatelliten auf die Umlaufbahn und sechs "Recce-Tornados" plus ein Tankflugzeug in diese Gegend, in der Bürgerkrieg und Krieg, Barbarei und Anarchie herrschen. Die Entscheidung liegt im Schwung der Ereignisse seit den Pariser Attentaten und stimmt auch mit dem Bestreben Deutschlands überein, eine größere Rolle in den Weltkrisen einzunehmen.

Die Kanzlerin hat gesagt, es müsse eine "vernünftige Balance" zwischen dem militärischen Vorgehen und dem politischen Prozess herrschen. Dazu passt auch, dass Russland und Frankreich vereinbaren, Aufklärungsdaten über IS-Stellungen auszutauschen. Von einer großen Allianz zur Befriedung Syriens und des Iraks träumen ja irgendwie alle. Es ist aber bisher immer nur das Gegenteil dessen eingetreten, worauf alle angeblich hoffen und hinarbeiten.

Alle Hoffnung aufgegeben

Syrien: Je mehr Länder sich eingemischt haben, desto schlimmer ist es gekommen. Das Leid der im Lande Gebliebenen muss unsäglich sein. Die Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon haben alle Hoffnung aufgegeben und brechen deswegen Richtung Europa auf. Sie treffen eine pragmatische Entscheidung, denn auf wen sollten sie hoffen?

Auf Russland? Russland spielt sein eigenes Spiel, möchte Assad halten und bombardiert die turkmenischen Rebellen in der Grenzregion zur Türkei. Auf die Türkei? Die Türkei holte das russische Flugzeug vom Himmel, weil Russland die ethnische Verwandtschaft in der Region von Bayirbucak dezimierte und Assad stützt, den Erdogan zum Teufel jagen möchte. Auf Amerika? Amerika bildet Rekruten aus und bildet immer neue Rekruten aus, aber nichts ändert sich. Amerika bombardiert den Kalifen und seine Mannen seit geraumer Zeit, aber nichts ändert sich. England und Frankreich bombardieren mit, aber wer glaubt schon daran, dass sie den Unterschied machen können. Auf wen dann sollen diese Menschen in Syrien hoffen? Auf den Iran? Auf Saudi-Arabien?

Der Krieg nährt den Krieg. Der Bürgerkrieg nährt den Bürgerkrieg. Der Stellvertreterkrieg nährt den Stellvertreterkrieg. Niemand hat auch nur den blassesten Schimmer, wie die Barbarei und die Anarchie enden könnten. Kein Land, keine Institution nimmt die Verantwortung für den Frieden auf sich, weil damit Schuld und Kollateralschäden und absolute Ungewissheit über den Erfolg verbunden sind.

Militärisch ist der Krieg nicht zu gewinnen

 

Die Lehren, die wir ziehen könnten, sind ja auch nur beklagenswert. Irak und Syrien sind schwarze Löcher, seitdem der eine Diktator, Saddam Hussein, davongejagt wurde und der andere, Bashar al-Assad, sich nur noch auf den Leichenbergen halten kann, die er selbst aufgetürmt hat. Mit Hoffen, Träumen, Wünschen ist da nichts getan. Allenfalls Realpolitik, wie sie Hans Morgenthau begründete und einige US-Präsidenten anwandten, worüber wir uns rechtschaffen ereiferten, könnten einen Ausweg bieten.

Es hilft wenig, dass François Hollande den George W. spielt. Was der angerichtet hat, wissen wir; mit den Folgen haben wir zu tun. Immer neue Kombattanten, so überzeugend ihre Argumente auch klingen mögen, verbessern wenig und verschlimmern viel. Militärisch ist der Krieg, der ein Bürgerkrieg und ein Stellvertreterkrieg ist, nicht zu gewinnen. Das sagen alle und halten sich nicht daran.

Irgendwann müssen ein paar von den Ländern, die aus Eigeninteresse und Großmachtgehabe in der Region mitmischen, sich zusammensetzen und ein paar sinnvolle Überlegungen anstellen: Wer kann Syrien und den Irak befrieden, und wie können wir den Wahnsinn abstellen? Offenbar ist der Preis für den Krieg noch nicht hoch genug, noch sind nicht genügend Menschen gestorben oder auf der Flucht, der IS ist noch nicht die übergroße Gefahr, wie wir behaupten, sonst würden die Bemühungen um Befriedung doch greifen. Aber wann greifen sie endlich?

Comment

Comment

Das schwarze Loch

Spiegel Online 27.11.2015

 

Deutschland möchte sich am Krieg gegen den "Islamischen Staat (IS)" in Syrien und im Irak beteiligen. Wir schicken einen Aufklärungssatelliten auf die Umlaufbahn und sechs "Recce-Tornados" plus ein Tankflugzeug in diese Gegend, in der Bürgerkrieg und Krieg, Barbarei und Anarchie herrschen. Die Entscheidung liegt im Schwung der Ereignisse seit den Pariser Attentaten und stimmt auch mit dem Bestreben Deutschlands überein, eine größere Rolle in den Weltkrisen einzunehmen.

 

Die Kanzlerin hat gesagt, es müsse eine "vernünftige Balance" zwischen dem militärischen Vorgehen und dem politischen Prozess herrschen. Dazu passt auch, dass Russland und Frankreich vereinbaren, Aufklärungsdaten über IS-Stellungen auszutauschen. Von einer großen Allianz zur Befriedung Syriens und des Iraks träumen ja irgendwie alle. Es ist aber bisher immer nur das Gegenteil dessen eingetreten, worauf alle angeblich hoffen und hinarbeiten.

Alle Hoffnung aufgegeben

Syrien: Je mehr Länder sich eingemischt haben, desto schlimmer ist es gekommen. Das Leid der im Lande Gebliebenen muss unsäglich sein. Die Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon haben alle Hoffnung aufgegeben und brechen deswegen Richtung Europa auf. Sie treffen eine pragmatische Entscheidung, denn auf wen sollten sie hoffen?

Auf Russland? Russland spielt sein eigenes Spiel, möchte Assad halten und bombardiert die turkmenischen Rebellen in der Grenzregion zur Türkei. Auf die Türkei? Die Türkei holte das russische Flugzeug vom Himmel, weil Russland die ethnische Verwandtschaft in der Region von Bayirbucak dezimierte und Assad stützt, den Erdogan zum Teufel jagen möchte. Auf Amerika? Amerika bildet Rekruten aus und bildet immer neue Rekruten aus, aber nichts ändert sich. Amerika bombardiert den Kalifen und seine Mannen seit geraumer Zeit, aber nichts ändert sich. England und Frankreich bombardieren mit, aber wer glaubt schon daran, dass sie den Unterschied machen können. Auf wen dann sollen diese Menschen in Syrien hoffen? Auf den Iran? Auf Saudi-Arabien?

Der Krieg nährt den Krieg. Der Bürgerkrieg nährt den Bürgerkrieg. Der Stellvertreterkrieg nährt den Stellvertreterkrieg. Niemand hat auch nur den blassesten Schimmer, wie die Barbarei und die Anarchie enden könnten. Kein Land, keine Institution nimmt die Verantwortung für den Frieden auf sich, weil damit Schuld und Kollateralschäden und absolute Ungewissheit über den Erfolg verbunden sind.

Militärisch ist der Krieg nicht zu gewinnen

 

Die Lehren, die wir ziehen könnten, sind ja auch nur beklagenswert. Irak und Syrien sind schwarze Löcher, seitdem der eine Diktator, Saddam Hussein, davongejagt wurde und der andere, Bashar al-Assad, sich nur noch auf den Leichenbergen halten kann, die er selbst aufgetürmt hat. Mit Hoffen, Träumen, Wünschen ist da nichts getan. Allenfalls Realpolitik, wie sie Hans Morgenthau begründete und einige US-Präsidenten anwandten, worüber wir uns rechtschaffen ereiferten, könnten einen Ausweg bieten.

Es hilft wenig, dass François Hollande den George W. spielt. Was der angerichtet hat, wissen wir; mit den Folgen haben wir zu tun. Immer neue Kombattanten, so überzeugend ihre Argumente auch klingen mögen, verbessern wenig und verschlimmern viel. Militärisch ist der Krieg, der ein Bürgerkrieg und ein Stellvertreterkrieg ist, nicht zu gewinnen. Das sagen alle und halten sich nicht daran.

Irgendwann müssen ein paar von den Ländern, die aus Eigeninteresse und Großmachtgehabe in der Region mitmischen, sich zusammensetzen und ein paar sinnvolle Überlegungen anstellen: Wer kann Syrien und den Irak befrieden, und wie können wir den Wahnsinn abstellen? Offenbar ist der Preis für den Krieg noch nicht hoch genug, noch sind nicht genügend Menschen gestorben oder auf der Flucht, der IS ist noch nicht die übergroße Gefahr, wie wir behaupten, sonst würden die Bemühungen um Befriedung doch um sich greifen. Aber wann greifen sie endlich um sich?

Comment

Comment

Zum Tode Henning Mankells: Düsterer Aufklärer

Von Gerhard Spörl

SPIEGEL ONLINE, 5.10.2015

Henning Mankell war Krimigenie und altlinker Moralist. Er schrieb nicht nur Bestseller, sondern auch stets gegen die Ungerechtigkeiten der Welt an. Erinnerungen an einen Wütenden.

Zum letzten Mal traf ich Henning Mankell vor fünf Jahren in Berlin. Zwei Tage vorher war er aus einem israelischen Gefängnis entlassen worden. Dort war er gelandet, weil er auf einem von sechs Schiffen Hilfsgüter nach Gaza bringen wollte. Dazu hätten sie die Seeblockade durchbrechen müssen. Israelische Spezialeinheiten kaperten die Schiffe. Neun Menschen kamen ums Leben. Mankell war wütend über die Behandlung. Über die Toten, über das Unrecht, das den Palästinensern angetan wird, über die Mauern, die Israel baut, über die Unterdrückung, über den ewig falschen Lauf der Geschichte.

Mankell war, was offenbar zur Grundausstattung guter Krimiautoren gehört, ein linker Moralist und ein engagierter Mensch. In Berlin erzählte er, dass er bald wieder nach Maputo fliegen wolle. Afrika war sein Seelenkontinent, Maputo sein zweites Zuhause. Dass er dort das "Teatro Avenida" mit Manuela Soeiro leitete, war keine Laune. Am Theater in Stockholm hatte er jung begonnen, vom Theater aus wollte er die Gesellschaft demaskieren. Er war 19 Jahre alt, als er sein erstes Stück inszenierte. Nach der Premiere wollte er Wein kaufen, bekam aber keine Flasche ausgehändigt, weil er zu jung war.

Mankell schrieb in Maputo Stücke für die Schauspieler, nannte sich Intendant und ließ Ibsen, Strindberg und Tennessee Williams aufführen. Daneben gab es Eigenproduktionen, zum Beispiel über Waisenkinder, mit denen die Schauspieltruppe über Land tingelte.

Die Faszination des Unfertigen

Mankell redete und schrieb über Unrecht, aber er tat auch etwas dagegen. In Maputo faszinierte ihn das Unfertige, Formbare der nachkolonialen Gesellschaft, in der Kunst eine wichtige Rolle übernahm. Das Teatro Avenida hatte in Trümmern gelegen, als eine Gruppe schwarzer Schauspieler es übernahm, die Mutumbela Gogo Companie.

Israel war Mankells zweites Lebensthema. Er sagte, wie Israel sei er 1948 geboren. Er sagte auch, der Konflikt begleite ihn sein Leben lang, und der Gedanke, dass es nach seinem Tod dort genau so weitergehen werde, sei ihm unerträglich. Er reiste häufig nach Jerusalem und Tel Aviv, zum Literaturfest nach Hebron. Er fand, dass die Palästinenser das Recht auf einen eigenen Staat hätten, und deshalb schloss er sich der Gaza-Expedition an.

Öffentliches Engagement und Schreiben wechselten sich in seinem Leben ab. Auch als Kriminalschriftsteller war Mankell ein politischer Mensch, ein schwedischer 68er wie Stieg Larsson. Beiden genügte es nicht, tolle Geschichten mit wilden Wendungen zu schreiben. Es musste mehr sein als nur ein monströses Verbrechen, das ihr Held souverän anging. Sie wollten aufklären. Sie verstanden sich als politische Menschen und pressten Politisches in ihre Bücher

Als der linke Moralist zum Altlinken wurde

Wer Larssons Millennium-Trilogie liest, soll wissen, dass Schweden ein schlimmes Land ist, in dem die Behörden und der Geheimdienst Verbrechen begehen. So demaskierte Larsson den Wohlfahrtsstaat von heute und die Neutralität von gestern. Wer Wallanders "Der Chinese" liest, soll im Kopf behalten, wie viel Schreckliches den Zwangsarbeitern geschah, die aus China entführt wurden, damit sie die Eisenbahnschienen zum Pazifik verlegen. So entlarvte Mankell Amerika, die arrogante Weltmacht und Erfinderin des kalten Kapitalismus, der schon zu viel Leid über die Menschheit gebracht hat, wie er fand. Als 9/11 sich ereignete, sagte er, damit habe er schon lange gerechnet, der Gegensatz zwischen Arm und Reich werde immer schlimmer. Da war der linke Moralist zum Altlinken geworden, für den es nichts Neues unter der Sonne gab.

Mankell wie Larsson waren schreibende Aktivisten. Darin unterscheiden sie sich vom Erfolgreichsten der Branche, von John Grisham. Grisham schreibt Bücher, in denen er seine Geschichten wie Pfeile abschießt. Alles dreht sich um den Fall. Kein Blick anderswo hin. Keine Metaebene. Über Recht und Unrecht in Amerika habe ich bei Grisham mehr erfahren als aus irgendeinem anderen Buch. Übrigens ist Grisham ein Linker, aber nicht beim Schreiben.

Was ist besser? Ich mag beides, das Politische und den Verzicht darauf. Ich lese jeden Grisham. Ich lese Larsson, auch wenn ihn Lagercrantz weiterschreibt. Ich finde Mankell toll.

Was bleiben wird: Kurt Wallander

Ich vergesse schnell wieder Grishams Krimis, weil die Geschichten, so atemlos ich sie lese, austauschbar sind. Von Mankell und Larsson habe ich mehr. Was sie über ihr Land erzählen, bleibt haften, jedenfalls bei mir. Ob ich will oder nicht, es setzt sich ein Bild fest, das ich von Schweden habe. Das Mankell/Larsson-Bild.

Von Larsson bleibt Lisbeth Salander, von Mankell wird bleiben: Kurt Wallander. Ihm dichtet er an, was in ihm selbst schlummern mag, was er selbst durchgemacht hat. Mankells Eltern ließen sich früh scheiden, seine Mutter beging Suizid. Er ging nicht auf ihre Beerdigung.

Wallander erleidet seine Scheidung und wird nie wieder glücklich. Fortan führt er eine einsame Existenz. Seine Tochter ist ihm eher fremd, auch wenn sie bei ihm arbeitet. Phasenweise verfällt er dem Alkohol. Phasenweise hat er Gewichtsprobleme und bekommt Diabetes. Die Libido meldet sich immer mal, aber Wallander ist bindungsschwach, was sonst, und bleibt es. Die Fälle, die er lösen soll und die ihn umtreiben, füllen die leere Zeit aus, in der er lebt. Ein Mann, der zum Autisten wird.

Eigentlich finde ich es seltsam, dass ein Autor mit so einer melancholischen Figur so viel Schreibzeit verbringen will. Mankell hätte ihm einige überraschende Charakterzüge schenken können. Weniger Eindimensionalität täte dem Leser gut. So aber ist Wallander eine typisch skandinavische Romanfigur, freudlos und allein zusammengehalten durch die Mordfälle, die er lösen darf.

Bei dem Gespräch in Berlin vor fünf Jahren sah Mankell mit seiner weißen Mähne und dem weichen Gesicht, der Hemdkragen offen, wie der jüngere Johnny Cash aus. Er war freundlich und neugierig, zugänglich und mitteilsam. Wenig Wallander. Froh, zurück in der Zivilisation zu sein.

Ich glaube nicht, dass er sich auf dem Schiff wohlgefühlt hatte. Ohnehin wusste er wenig über die Organisatoren der Gaza-Aktion. Er war erst auf der letzten Etappe an Bord gegangen. Diesmal war er in eine politische Aktion hineingerutscht. Er war nicht der Herr des Verfahrens gewesen, wie sonst immer. Man brauchte ihn für die Konfrontation mit den Israelis, seinen Namen, seinen Ruhm, seine Donnerstimme. Ich glaube, er fühlte sich missbraucht.

Im Interview war er in seinem Element. Als Aufklärer. Als Interpret einer weltweit beachteten Aktion. In seiner Wut auf Israel. Über die Ungerechtigkeit der Welt.

Bald darauf pendelte er wieder zwischen Maputo und Stockholm, seinen beiden Welten. Bald darauf schickte er Kurt Wallander in Pension und in die Demenz. Bald darauf machte er öffentlich bekannt, dass er an Krebs litt: eine Geschwulst am Hals, die Metastase eines Lungentumors, entdeckt Anfang 2014. Er sagte, sein Freund Christoph Schlingensief, der andere europäische Intendant in Afrika, sei am gleichen Krebs gestorben.

Henning Mankell redete in versöhnlicher Lakonie über sein Leben, in dem ihm nichts verwehrt geblieben ist. Wir müssen alle sterben, aber vorher können wir leben, sagte er hübsch paradox. Selbstreflexion bis in den Tod: der letzte Triumph des Schreibers.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten

Comment

Comment

SPIEGEL ONLINE, 20.08.2015

Egon Bahr, Architekt der Ostpolitik: Die Ära Willy Brandt war auch seine wichtigste Zeit. Ihm, dem präzisen Denker, ging es vor allem um Versöhnung und Entspannung. Persönliche Erinnerungen von SPIEGEL-Autor Gerhard Spörl.

Egon Bahr habe ich vor zwei, drei Jahren zum letzten Mal in seinem Berliner Büro besucht. Er saß hinter seinem Schreibtisch, schaute mich an, fragte "Was gibt's Neues?" Er zündete sich eine Zigarette an und war ganz Ohr.

Da er selber Journalist war, mochte er Journalisten - jedenfalls die neugierigen unter uns, die erfahrenen, mit denen er plaudern konnte und die ihm auch mal Dönkes über den einen oder anderen Politiker in der Regierung oder im Bundestag erzählten. Er war ein angenehmer Mensch, der Menschen mochte. Kein Zyniker, auch das ist nach so vielen Jahren in seinem Gewerbe eine Leistung. Ein Mann, dem ich gerne beim Denken zuhörte. Der präzise argumentierte und druckreif sprach.

An jenem Nachmittag redete er auch über das Altern und die Altersgefährten. Er selber sei noch ganz gut zu Fuß, aber andere Alte wie Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt hätten es mit den Beinen, sagte er. Die Beine, sie wollten irgendwann nicht mehr, auch wenn der Kopf klar blieb. Ja, so werden wir ausgeknipst, nach und nach, sagte er.

Was bleibt von ihm im Gedächtnis? Wie er weint, als Willy Brandt zurückgetreten ist, das war 1974. Die Koryphäen der Sozialdemokratie sitzen an einem langen Tisch, vor Herbert Wehner liegt ein Blumenstrauß. Egon Bahr schaut Herbert Wehner befremdet an, weil der so tut, als gehe ihm der Rücktritt zu Herzen. Herbert Wehner, der über Willy Brandt gesagt hatte, der Herr bade gern lau. In Moskau! Wehner!

Verspielt und vertändelt

Oder der fulminante Wahlsieg 1972 über die wild gewordene CDU/CSU, die ein Mann namens Rainer Barzel ölig anführte (kennt den noch jemand? Kann man googeln). Brandt setzte alles auf eine Karte. Das war die Entspannungspolitik, für die er vor der Wahl eigentlich keine Mehrheit im Land hatte. Es war das einzige Mal, dass ein deutscher Nachkriegskanzler sagt: dafür stehe ich, dafür falle ich. Ein grandioser Wahlkampf, ein grandioser Sieg.

Zwei Jahre später war die goldene Phase der SPD schon wieder vorbei. Verspielt und vertändelt, das auch. Gescheitert an einem Spion aus der DDR, aus dem anderen Deutschland, mit dem die Regierung Brandt gerade einen Grundlagenvertrag geschlossen hatte. Was für ein Irrsinn.

Mit dem Ende von Brandts Kanzlerschaft begann die weniger schöne Zeit für Bahr. Schmidt zog die Macher den Denkern vor. Außer Bahr gehörte der brillante Peter Glotz dazu, auch Hermann Glaser, der Kulturdezernent in Nürnberg war und fast so kluge Bücher wie Glotz schrieb. Jeder von ihnen war ein Solitärgewächs. Sie fielen als Einzelne auf, aber sie verstanden sich vor allem als Mitglied der deutschen Sozialdemokratie, der ältesten Partei Deutschlands, worauf sie stolz waren, und was sie immer wieder erwähnten.

Paradoxerweise gab es doch eine Gemeinsamkeit zwischen Schmidt und Bahr: Beide waren Vertreter der gouvernementalen SPD. Sie zogen es vor, mit den Regierenden in Moskau, Warschau oder Prag zu sprechen - nicht mit der Opposition, aus der später die Regierungen kamen. Ein Fehler, wie Bahr später einsah.

Bahr jammerte nicht

Egon Bahr blieb lebenslang ein Willy-Brandt-Mann. Sie kannten sich aus Berlin, als Berlin noch Frontstadt im Kalten Krieg war. Sie waren beide Journalisten. Sie dachten im Duo. Sie entwickelten die Ideen über Entspannung und Versöhnung gemeinsam. Sie waren beide das Opfer der Adenauer-CDU, die den Emigranten Willy Brandt alias Herbert Frahm verunglimpfte und Bahr zum Vaterlandsverräter stempelte und es dazu auch noch schaffte, irgendwie anzudeuten, dass es sich bei Bahr ja um einen Halbjuden handele. Wer durch dieses Feuer gegangen war, dem kam alles andere wahrscheinlich halb so schlimm vor.

 

Nach Brandts Tod war Egon Bahr dessen ideeller Nachlassverwalter und der Kummerkasten für die ewigen Brandt-Jünger, die unter der Nachfolgerschar Vogel/Rau/Scharping/Lafontaine/Schröder/Platzeck/Beck/Gabriel litten und heute am 25-Prozent-Getto verzweifeln. Bahr jammerte nicht. Er war eben auch ein Pragmatiker, der sich sagte: Sind es jetzt schlechte Zeiten, kommen auch wieder gute Zeiten.

Egon Bahr war auf glänzende, anregende Weise, was heute nur die allerwenigsten Ratgeber sind: einer, der aus Ideen Konzepte entwickelt und sie den Regierenden oder denen, die regieren wollen, als Vorschlag unterbreitet. Er konnte warten, bis die Zeit reif war und bis er auf einen jemanden gestoßen war, der so dachte wie er und daraus eine Politik formte.

Was für ein Glück für ihn. Was für ein Glück für Brandt. Was für ein Glück für uns.

 

 

Comment

Comment

 SPIEGEL ONLINE, 27.08.2015

Die "Millennium"-Trilogie des verstorbenen Stieg Larsson ist ein Millionenerfolg. Nun erscheint Teil vier - den ein anderer Autor geschrieben hat. Fans, Familie, Freunde streiten: Darf das sein? Eine sehr persönliche Reise zu Beteiligten.

Es war einmal ein Mann mittleren Alters, der mit einer großen Plastiktüte in einem Verlag aufkreuzte. Dort kannte ihn niemand, denn er war nur ein linker Journalist, der für ein winziges Polit-Magazin arbeitete. Wäre er nicht von einem rechtschaffenen Freund des Verlags empfohlen worden, hätte man ihn dort gar nicht vorgelassen.

So nahm sich jemand des Mannes mit den freundlichen Augen hinter runden Gläsern an. Aus seiner Plastiktüte kamen zwei Aktenordner zum Vorschein. Er sagte, darin seien die Manuskripte für zwei Bücher, die miteinander zusammenhingen; das dritte sei in Arbeit und in Kürze fertig. Als gemeinsamer Titel schwebe ihm "Männer, die Frauen hassen" vor.

Ein Mitarbeiter des Norstedts Verlags erklärte sich bereit, die Manuskripte zu lesen. Der Plastiktütenmann sagte noch, er hoffe, dass das Honorar zu seiner Alterssicherung dienen wird.

82 Millionen Käufer, 400 Millionen Euro Umsatz

Plastiktüte, Alterssicherung, der staunenswerte Stieg Larsson, seine Millenium-Trilogie: Ich liebe diese wundersame Erfolgsgeschichte, die mir der Verlagsmitarbeiter erzählt hat.

Ein Jahr später, 2005, kam der erste Band der Millenium-Trilogie auf den Markt. Seither hat sie 82 Millionen Käufer gefunden. 400 Millionen Euro Umsatz sind damit schätzungsweise weltweit erzielt worden. Das ist dreimal soviel wie Henning Mankell in drei Jahrzehnten erschrieben hat. Dazu kommen die Filmrechte, welche die Erben zweimal verkauft haben, einmal in Schweden, einmal in Hollywood.

Ganz schön viel Wunder.

Stieg Larsson ist zu einer eigenen Industrie geworden, zu einer Geldmaschine, und natürlich finden wir alle es tragisch, dass er nichts davon weiß und nichts davon hat, weil er am 9. November 2004 starb. Sein schwaches Herz versagte, überstrapaziert von zu viel Kaffee, viel zu vielen Zigaretten und permanentem Schlafmangel.

Trägt sein Tod zum Millenium-Wahnsinn bei? Keine Ahnung, wahrscheinlich nicht. Soviel ich weiß, interessieren sich Krimileser nicht unbedingt für den Autor. Larssons Stärke ist sein düsteres Universum, in dem der Staat ein Schweinesystem ist. In den Geheimdiensten, in den Konzernen, in den Behörden sitzen Verschwörer und Verbrecher.

Wie so viele Krimiautoren ist Larsson ein Linker. Wie bei vielen skandinavischen Autoren sind die Verbrechen in seiner Trilogie monströs und barbarisch. Aber was wäre das alles ohne Lisbeth Salander, den Freak, den Punk, der nur die eigenen Regeln akzeptiert? Das magere Mädchen mit dem Riesentattoo auf dem Rücken und dem fotografischen Gedächtnis. Die fabelhafte Hackerin, die einen korrupten Industriemagnaten enteignet und etliche Millionen auf ihr Konto umlenkt.

Erst Lisbeth Salander macht den Unterschied zu Mankell, Nesbjö und den anderen skandinavischen Könnern. Sie ist die mythische Figur, die das politisch korrekte Grundmuster sprengt. Sie trägt das Larsson-Imperium. Sie ist der Garant für die Geldmaschine, zu der die Millenium-Trilogie geworden ist.

Heute bebt das Imperium wieder. Heute ist die Auferstehung des Larsson-Universums. Mikael Blomqvist und Lisbeth Salander ziehen wieder los, um von dieser Welt, in der das Böse heimisch ist, zu retten, was zu retten ist. Heute kommt der vierte Band der Millenium-Saga auf den Markt, in 2,7 Millionen Büchern in 26 Ländern.

Aber nicht Larsson hat das Buch geschrieben, wie könnte er. Es handelt sich auch nicht um die ominöse Hinterlassenschaft aus seinem Computer, über die so viel gemunkelt wird. Dieser Band 4 ist ein Wechselbalg, der den Larsson-Aficionados untergeschoben wird. Drinnen mag viel Larsson sein, aber draußen steht Lagercrantz drauf. Und die große Frage ist jetzt: Ist es der weltweiten Larsson-Gemeinde egal - Hauptsache noch ein guter Krimi, Hauptsache, es gibt wieder etwas zu lesen über den spießigen Mikael Blomqvist und die asoziale Anarchistin Lisbeth Salander? Oder will sie Larsson und nur Larsson und sonst niemanden?

Was man darf, was man nicht darf

Los geht ein wildes Spiel, in dem es um viel Geld und Renommee geht. Der Norstedts Verlag ist ein feiner, alter Verlag, 1823 gegründet, der nie zuvor so unverhohlen auf Kommerz gesetzt hat. Auch der Autor, David Lagercrantz, hat einen guten Ruf zu verlieren. In Schweden ist Stieg Larsson ein Nationalheiliger und so nehmen ziemlich viele Schweden an der Diskussion darüber teil, ob man so mit Larsson umspringen darf.

Ich treibe mich seit ein paar Jahren in Stockholm herum, in der wirklichen Welt, in der Stieg Larsson gelebt hat. Ich bin seinen Freunden und seiner Freundin Eva Gabriellson begegnet. Es ist eine eigene Welt, sehr links, sehr moralisch, sehr geschlossen. Um Literatur dreht sich hier wenig, sehr viel aber um Gesinnung. Was man darf, was man nicht darf.

Etliche der alten Freunde melden sich jetzt in schwedischen Blättern zu Wort oder lassen sich von ausländischen Journalisten zitieren. Sie sagen, an Stieg würde "Grabplünderung" betrieben. Die entfesselte Kommerzialisierung hätte Stieg angewidert. Sie finden schrecklich, was passiert. Da Stieg nicht mehr reden kann, ist jeder von ihnen Stieg.

Natürlich kann man der Meinung sein, dass mit Stieg Larsson Schindluder getrieben wird, auch wenn es nicht besonders überzeugend klingt, wenn die alten Freunde so tun, als wüssten sie genau, was Stieg wollen und sagen würde. So plündern auch sie das Grab. Ein paar dieser Freunde haben Bücher über Stieg geschrieben und Dönikes über ihn erzählt, zum Beispiel, dass er gar nicht schreiben konnte und vielleicht sogar die Trilogie nicht selber verfasst hätte. Auch hier ist eine parasitäre Stieg-Larsson-Industrie entstanden.

Die Kronzeugin und Richterin gegen die Larsson-Verwertungsindustrie ist eine Frau, Eva Gabriellson. Mehr als 30 Jahre lang hat sie mit Stieg zusammengelebt. Sie gingen eine linke Kampfgemeinschaft ein, sie waren unbürgerlich und deshalb nicht verheiratet. Der Verzicht erwies sich als verhängnisvoll, als Larsson gestorben war, denn nach schwedischem Gesetz können nur Verheiratete erben. So ging die Witwe leer aus.

Ein Buch, eine Industrie

Auch Eva Gabriellson, eine leise, zurückhaltende, kompromisslose Frau, hat ein Buch über Stieg geschrieben und dazu ein Theaterstück über Lisbeth Salander. So ist sie Teil der Larsson-Industrie, deren Existenz sie beklagt. Die Witwe, die keine sein darf, wütet in schöner Regelmäßigkeit gegen die beiden Zufallserben. Das sind Stieg Larssons Vater und Bruder, die sich Mühe geben, Sinnvolles mit dem Vermögen anzustellen und keineswegs in Saus und Braus leben.

Gabriellson sagt, das seien kleine Leute, und da könne man mal sehen, was das Geld aus ihnen macht. Vater und Bruder gaben dem Fortsetzungsroman ihren Segen. Was in die Kasse kommt, wollen sie spenden. Auch haben sie Gabriellson schon vor Jahren eine Art Abfindung angeboten, was die weit von sie wies. Die beiden Larssons können nicht viel richtig machen, sie sind die Schurken im Streit.

So viel Leid, so viel Zorn und so viel Unversöhnlichkeit schwingen in diesen Auseinandersetzungen mit und vergiften sie. Also höchste Zeit, sachlich zu werden. Ich habe einen inhaltlichen Einwand gegen die Fortschreibung: Eigentlich ist alles erzählt.

In Band 3 steht Lisbeth Salander vor Gericht und bekommt Genugtuung. Seither ist es amtlich, dass sie zu Unrecht in die Psychiatrie eingeliefert wurde und zu Unrecht entmündigt ist. Ihren kriminellen Vater hat sie der Gerechtigkeit zugeführt. Ihr mörderischer Halbbruder ist tot. Der korrupte Psychiater geht ins Gefängnis. Die Kamarilla im Geheimdienst ist erledigt. Ende gut, alles gut.

Dass heute ein Fortsetzungsband mit großem Trommelwirbel auf den Markt kommt, der deutsche Titel lautet "Verschwörung", ist natürlich eine kühle oder auch zynische Geschäftsspekulation. Darüber kann man sich erregen oder lakonisch sagen: So ist der Kapitalismus, mal schauen, was der Markt dazu sagt.

Im "Stern" erscheint an diesem Donnerstag eine gute Geschichte mit der überraschenden Pointe, dass dieses Buch nie hätte geschrieben werden dürfen. Der Autor Stefan Mauss schlägt sich auf Eva Gabriellsons Seite. Das ist okay.

Ich finde auch, dass dieses Buch nicht unbedingt hätte geschrieben werden müssen, aber so ist es nun einmal. Und mir gefällt die Fortschreibung, bei dem David Lagercrantz in die Haut von Stieg Larsson geschlüpft ist. Ich mag die drei Millenium-Bände, deren Charme im Rohen, Ungeschlachten besteht. Ich mag auch den verfeinerten vierten.

Im vierten Band wird Camilla zur zweiten Hauptfigur. Das ist Lisbeths Zwillingsschwester, die bei Larsson kurz aufgetaucht war, aber funktionslos blieb. Camilla ist das Gegenteil von Lisbeth, eine Inkarnation des Bösen, fasziniert von Macht und Gewalt. Außerdem ist sie bildschön und schlägt die Männer reihenweise in Bann. Sie schart Hacker und Auftragsmörder um sich und hat ihr Hauptquartier in Moskau. Die Putin-Welt ist ihr Elixier.

Das manichäische Larsson-Universum bekommt so das ultimative Hass-Duell zwischen der guten und der bösen Zwillingsschwester. Lagercrantz macht aus ihnen zwei Superfrauen, die sich im Internet Wasp und Thanos nennen, mythische Figuren aus den Marvel-Comics, eine eigentlich überflüssige Symbolik, aber nun gut, auch Stieg Larsson hat Science Fiction geliebt und genutzt.

Die Handlung beginnt mit einem schwedischen Wissenschaftler, der über künstliche Intelligenz forscht und von "technologischer Singularität" träumt: von einer Maschine, die dem Gehirn des Menschen nachgebildet ist und den Menschen in den Schatten stellt. Dieser Wissenschaftler lebt nur für seine Wissenschaft, er ist sozial unverträglich und an Geschäften desinteressiert. So macht er es seinen Feinden leicht, ihm Ideen und Dateien zu stehlen und zu verkaufen.

Zu den Schurken gehört ein Google-ähnlicher Internetkonzern und der amerikanische Geheimdienst NSA. Aber auch eine wahrhaft kriminelle Vereinigung schöpft Wissen ab und tötet den Wissenschaftler, als der unbequem wird: Das ist die Camilla-Gang in Moskau.

Diese Machenschaften beobachtet Lisbeth Salander in ihrer riesigen bürgerlichen, karg möblierten Wohnung. Sie surft im Darknet, sie surft im Intranet der NSA, sie ist allgegenwärtig und allwissend. Sie hilft sogar den ratlosen NSA-Jungs auf die Sprünge, bevor sie die Auftragsmörder ihrer Schwester tötet und den autistischen Sohn des ermordeten Wissenschaftlers in Sicherheit bringt. Lisbeth Salander ist ungemein konstruktiv, auch eine nette Pointe.

Die Welt bei Lagercrantz ist weniger schwarz und manchmal blitzt sogar Humor auf. Mir gefällt das, aber hartgesottene Larsson-Fans könnten darin ein Sakrileg sehen. Und Mikael Blomqvist, der ehrenwerte investigative Reporter, das geschönte Ebenbild Stieg Larssons? Er ist anfangs mit sich selber beschäftigt. Sein Blatt "Millenium" steckt in der Krise und er auch. Kein Scoop seit Langem. Grübeln über das Leben. Von Lisbeth hat er lange nichts gehört. Er hängt durch. Aber Lisbeth bringt ihn auf Trab. Sie erzählt ihm, was los ist. Es dauert, bis sie gemeinsam gegen das Böse antreten. Aber dann sind sie unschlagbar wie immer.

Anderthalb Jahre hat David Lagercrantz an "Verschwörung" gearbeitet. Er ist 52 Jahre alt und so ziemlich das Gegenteil von Stieg Larsson. Larsson kam aus kleinen Verhältnissen und wuchs in der nordschwedischen Provinz auf. Er kämpfte sich heraus, er kämpfte sich hoch, er war lebenslang ein Kämpfer und so schrieb er auch seine Trilogie. Literatur in der Plastiktüte.

Lagercrantz dagegen kommt aus einer feinen Stockholmer Familie, in der es von Philosophen, Schriftstellern und Chefredakteuren wimmelt. Er ist jungenhaft und sportlich, elegant und offenherzig. Er war vielleicht einmal ein Linker, aber maßvoll. Auf Fotos trägt er auffällige Jacketts mit Einstecktuch. Er sieht aus wie jemand, dem vieles leicht fällt. Er ist der Typus Mann, bei dem der Typus Gabriellson ideologisch wird.

Lagercrantz hat beachtliche Biografien über Grenzgänger und Außenseiter geschrieben: über das Zahlen-Genie Alan Turing, der den Code der deutschen Marine im Zweiten Weltkrieg knackte, oder über Zlatan Ibrahimovic, den Fussballweltstar aus kriminellem Milieu. Lagercrantz' Fantasie entzündet sich an Menschen, die völlig anders sind als er. Am Gegensatz. Stieg Larsson passt in sein Beuteschema.

 

Als ich Lagercrantz am Montag traf, tat er so, als ginge ihn die Debatte, ob man Larsson fortschreiben darf, nichts an. Was sollte er auch sagen? Dass er Verständnis für die Puristen hat? Er sagte, er sei einfach hin und weg von dem Auftrag gewesen, die Trilogie zu erweitern. Er brachte seine Kinder Morgen für Morgen zur Schule, setzte sich an den Computer und schlüpfte in Stieg Larssons Haut. Er versuchte, wie dieser zu denken, zu fühlen und zu schreiben.

Ist es ihm gelungen? Darüber entscheidet ab heute die große Larsson-Käufergemeinde. Wird daraus ein Flop, dürfen sich die Puristen bestätigt fühlen. Wird daraus ein Erfolg, gibt es einen Band 5, keine Frage. Denn im Krieg der Zwillingsschwestern ist noch nichts entschieden. Und außerdem sieht es so aus, als ob Lisbeth und Mikael...

Aber lesen Sie doch selbst.

 

 

Comment

SPIEGEL ONLINE, 31. Juli 2015

Exakt 24 Jahre und 10 Monate hat Gerhard Spörl für den SPIEGEL gearbeitet - an diesem Freitag ist sein letzter Arbeitstag. Zum Abschied macht er sich Gedanken über einen zwar anstrengenden, aber dabei um so interessanteren Menschenschlag.

Vor ein paar Tagen saß ich mit Freunden zusammen und habe ihnen davon erzählt, dass ich ein Buch über "Die Unerträglichen" schreiben möchte. Der Titel gefiel ihnen, und jetzt bin ich so gut wie in der Pflicht, es auch wirklich zu schreiben. Es soll ein Lobgesang auf eine schwierige Minderheit sein. Schwierig für die anderen und schwierig für sich selbst. Denn die Unerträglichen sind arrogant. Sie fügen sich nicht in Gruppen ein, sie wollen für sich bleiben. Sie beanspruchen Isolation, sie ziehen es vor, auf ihrem eigenen Planeten zu wohnen. Mehrheiten sind ihnen nicht etwa suspekt, sie scheren sich einfach nicht um sie. Deshalb sind sie schwer zu genießen.

Die Unerträglichen finden Minderheiten interessant. Was nicht aufgeht im Mainstream, dem gehen sie nach. Sie suchen nach Möglichkeiten, wo andere schon aufgegeben haben, danach zu suchen, weil sie weit und breit keine Alternative sehen. Unruhig und fantasievoll sind sie, die Unerträglichen.

Der verdächtige Mainstream

Ich bin mäßig unerträglich. Einer meiner Chefredakteure nannte mich im Zorn mal "sperrig". Ja, na klar, musste eben sein, würde ich sagen. Was ihm missfiel, fand ich in Ordnung. Dass es ihm missfiel, fand ich seltsam.

Meine Sperrigkeit ist kein Dauerzustand. Ich bin einfach zu versöhnlich und folglich zu dauerhafter Unerträglichkeit ungeeignet. Ich muss aber auch nicht ständig im Mainstream schwimmen. Ich bin in der protestantischen Diaspora im katholischen Bayern aufgewachsen, das prägt. Der Mainstream ist mir tendenziell verdächtig. Wenn alle einer Meinung sind, hege ich den Verdacht, dass es sich um Bequemlichkeit handelt, und dann kann es produktiv sein, auch mal andersherum zu denken. Das Kontrafaktische wirkt sich heilsam auf trügerische Mehrheiten aus.

Aber ich weiß schon, dass am Ende Entscheidungen fallen müssen. Irgendwie. Mit der Mehrheit oder sogar gegen die Mehrheit, das gibt es ja auch, manchmal zum Glück für alle. Ich akzeptiere das Ergebnis.

Anders als ich sind die Unerträglichen immer unerträglich. Sie sind Kompromissen nicht nur abgeneigt, sie sind habituell unfähig dazu. Sie gehen ihre eigenen Wege. Das ist kein Spaß für sie, wahrscheinlich wären die meisten von ihnen gern anders. Endlich einmal kompromissgeneigt sein! Glühend vor Glück, der Mehrheit anzugehören! Auch wären sie manchmal gerne einer derjenigen in der Gruppe, in der Konferenz oder im Tennisverein, denen die Mehrheit wie selbstverständlich folgt, weil sie kompetent und konsensfähig auftreten. Die Unerträglichen wären gerne anders. Die Unerträglichen wären gerne Erträgliche.

Nicht, dass sie es nicht ab und zu versucht hätten. Meistens haben sie es ausprobiert, auf beiden Seiten dabei zu sein, beim Mitmachen und beim Ausscheren. Aber das liegt ihnen nicht. Diesen inneren Raum zum Mal-so-mal-so haben sie nicht. Sie können nicht spielen. Ihnen ist es ernst. Sie sind Fatalisten und Deterministen.

Für die Chefs und vor allem gegen sie

Unter den Erträglichen überwiegen die Pragmatiker. Sie kennen die Details und die Optionen. Sie wissen, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, und dass es auf die Interessen oder die Eigenarten des Chefs ankommt, wofür er sich am Ende entscheidet. Sie akzeptieren die Hierarchie und beklagen sich nicht, wenn ihr Plädoyer ungeachtet verhallt. Sie sind Relativisten. Mit ihnen kann man rechnen. Man braucht sie. Das zu wissen, genügt ihnen. Sie leiden nicht an Bedeutungshuberei.

Und dann gibt es in Menschengruppen noch das, was Fontane "die Halben" nennt. Sie sind die Unentschiedenen und deshalb nicht unbedingt berechenbar. Sie fügen sich mal ein, mal haben sie keine Lust dazu. Mal nehmen sie Diskussionen und Beschlüsse ernst, mal nicht. Auch wenn sie nach langem Palaver zustimmen, behalten sie sich das Recht vor, hinterher darüber zu meckern, was da wieder beschlossen wurde und wie unergiebig solche Diskussionen sind. Sie haben immer recht, weil sie einerseits bei der Mehrheit sind und sich andererseits von ihr distanzieren oder zumindest über den Mehrheitsfindungsprozess lästern. Sie sind für die Chefs und vor allem gegen sie. Sie sind launisch. Sie sind Rechthaber. Solche Halben gibt es in jedem Büro, in jeder Konferenz, in jeder Redaktion.

Die Demokratie braucht natürlich alle drei Menschentypen: die Erträglichen, die Unerträglichen und die Halben. Das weiß jeder. Aber wollen Sie ein Buch lesen über die Erträglichen? Die Halben?

Eben.