Neulich sah ich Alexander Gauland im Frühstücksfernsehen. Ich muss gestehen, ich mag ihn. Ich mag ihn so, wie ich ihn seit vielen Jahren kenne. Ich kenne ihn als den liberalen Konservativen, der kluge Bücher über britische Konservative schrieb und sich in deutscher Geschichte bewegte wie in einem schönen, schattigen Park. Allerdings habe ich viele Jahre nicht mehr gesehen.

Im Interview ging es um das bemerkenswerte Stuttgarter Durcheinander, bei dem ein AfD-Landtagsabgeordneter mit seinen antisemitischen Einlassungen die gesamte Fraktion sprengte, so dass die Bundesvorsitzende Frauke Petry anreiste, um Frieden zu stiften, was keiner der Beteiligten gut fand. Gauland erklärte mir und den anderen Frühstücksfernsehzuschauern, was es mit dem Stuttgarter Tohuwabohu auf sich hat und warum Frauke Petry einen Fehler beging, indem sie sich ins Getümmel warf.

Alles, was er sagte, war vernünftig. Er war der Gauland, den ich kenne. Ein Beobachter und Bewerter. Ein Versteher und Interpret.

Er sagte, die AfD sei eine junge Partei, die sich häutet und seltsame Menschen anzieht, die sich mit der Politik schwer tun, weil Politik mit Kompromissen und Mehrheiten operiert und missionarisch gestimmten Gesinnungstätern das Leben schwer macht. Er erinnerte an die chaotischen Anfangsjahre der Grünen und der Piraten.

Er hatte recht in allem, was er sagte.

Dabei machte er allerdings vergessen, dass gerade er, der Landesvorsitzende in Brandenburg, die Schmuddelkinder in die Partei geholt hatte und sie für respektabel erklärte. Der Grund liegt darin, dass aus seiner Sicht eine Partei nicht nur aus Euro-Verächtern wie Bernd Lucke oder Olaf Henkel bestehen kann, wenn sie sich etablieren möchte, sondern auch das Nationale abdecken muss: die Pegida-Leute und den rechten Rand, der sich im Hass auf das Establishment in Politik und Medien austobt und klammheimliche Freude empfindet, wenn Flüchtlingsheime in Flammen aufgehen.

Mit den Bürgerlichen lässt sich eine Partei aufbauen. Mit den Antibürgerlichen wird sie erst stark. Das ist die Logik.

Zuerst erweiterte Gauland die Grenzen nach rechts gegen die Liberalen, die sich damit nicht abfinden wollten. Jetzt zieht er die Grenze: Rechts ist okay, Antisemitismus ist nicht okay. Da wird er grundsätzlich. Deshalb geht der Kampf weiter, und nun eben gegen Frauke Petry, die sich überall einmischt und im Kern unpolitisch ist.

Gauland ist der Lafontaine der AfD. Er ist ihr Dirigent. Er bestimmt, wie weit seine Partei ausfransen darf. Er ist der Intellektuelle, der glaubwürdig ist, weil er klug ist und auch alt, 75 Jahre. Ihm bleibt nicht viel Zeit im Geschirr, aller Voraussicht nach. Er hat es eilig.

In der AfD nimmt man ihm ab, dass es ihm um die Sache geht. Seine Sache ist ein neuer Konservatismus aus bürgerlicher Wurzel mit einem großen Wurmfortsatz aus kleinbürgerlichen Anhängern und Wählern, die sich verlassen fühlen und aufgegeben und eine neue Heimat suchen. Eine CDU schwebt Gauland vor, die das C ernst nimmt, zumindest als moralischen Auftrag, und der ein neues U formiert, die Union der Vernachlässigten, die gerne auch Patrioten oder Nationalisten sein dürfen und das Eigene, das Deutsche, gegen das Fremde, die Flüchtlinge, verteidigen.

Wie Lafontaine die SPD vor sich hertrieb, treibt Gauland die CDU vor sich her, die Partei, der er jahrzehntelang angehörte. Er verzeiht Angela Merkel ihre Schwenks nicht, wie Lafontaine dem Gehard Schröder die Agenda 2010 nie verzieh. Aus Gaulands Sicht ist sie die Kanzlerin, die die CDU zu einem gesinnungslosen Haufen ideologisch herunter gewirtschaftet hat. Mit dem Ende der Wehrpflicht fing es an, dann folgte der Ausstieg aus der Kernenergie, die Zerrüttung des Euro und die Wir-schaffen-das-Haltung gegenüber den vielen Flüchtlingen: Da war die CDU endgültig nicht mehr Gaulands CDU.

Der Traum Lafontaines war es, die SPD zur Umkehr zu zwingen durch Konkurrenz von links. Der Traum hat sich erfüllt. Die SPD will nichts mehr von der Agenda 2010 wissen, krebst im Niemandsland der 20 Prozent herum und hat keine Aussicht darauf, in näherer Zukunft den Kanzler zu stellen. Der Traum Gaulands ist es, die CDU bei der nächsten Bundestagswahl 2017 so klein zu machen, dass sie sich besinnt und die Kanzlerin stürzt und zur Umkehr aufruft: zur CDU, die er meint und für wichtig hält. Und dafür soll die AfD sorgen, wie er sie formt und prägt: national ja, antisemitisch nein.

Deshalb werden wir Frühstücksfernsehzuschauer noch häufig den doppelten Gauland zu Gesicht bekommen. Den netten von früher und den Wiedergänger von Oskar Lafontaine.

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