Zum ersten Mal in seinem Leben hält sich Barack Obama in Vietnam auf. Obama ist Jahrgang 1961 und unbefleckt von diesem Krieg, den John F. Kennedy begann, Lyndon Johnson verschärfte und Richard Nixon so lange und so grausam geführt hat, bis Amerika fast darüber zerbrach und zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern dieser Erde blanker Antiamerikanismus ausbrach.

Das Erstaunliche an Vietnam ist dies: Dieses Land interessiert sich nicht für die Vergangenheit, sondern zuerst und zuletzt für die Gegenwart. In der Gegenwart gibt es einen gelenkten Kapitalismus, der für Wohlstand sorgt und diesen Menschen seit geraumer Zeit Lebenschancen einräumt. Wenn Gespräche ins Politische driften, dann hört man solche Sätze: Mit Amerika haben wir ein paar Jahre lang einen Krieg geführt, mit China haben wir seit Jahrhunderten Probleme.

Amerika und Vietnam haben längst wieder diplomatische Beziehungen. Die wirtschaftlichen Beziehungen verlaufen so gut wie reibungslos. Die beiden Länder arbeiten militärisch zusammen. Vietnam möchte nun Waffensysteme kaufen, Amerika wird sie gerne liefern.

Zu den Paradoxien seiner Amtszeit gehört es, dass Obama seinen Einsichten keinen Raum geben konnte. Er ist der Meinung, dass die Welt dem Nahen Osten zu viel und dem Indischen Ozean zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Dennoch gehört die Gewichtsverlagerung zu seinem Erbe. Dafür sorgt natürlich China.

Japan und Südkorea binden sich enger an die westliche Führungsmacht. Myanmar und Vietnam neigen zu Amerika, weil sie Nachbarn Chinas sind. Andere Länder wie die Philippinen bekommen die Selbstherrlichkeit zu spüren, wenn sie Rechte auf diese seltsamen Eilande im südchinesischen Meer erheben, die China für sich beansprucht.

Es gibt noch ein anderes Erbteil aus den acht Jahren Obama. Die asiatischen Verbündeten fragen sich, wie verlässlich diese Supermacht noch ist und wie sie sich in Konflikten wohl verhalten wird. Jedenfalls ist Amerika nicht mehr die Konstante, an der sich alle ausrichten können und sollen.

Comment