Am 11. Januar lief in der ARD das Dokumentarspiel "Der gute Göring". Das ist die Geschichte von Albert Göring, eines guten Menschen in finsterer Zeit, der schnell in Vergessenheit geriet, als der Zweite Weltkrieg vorbei war und die Bundesrepublik entstand. Albert Göring war der jüngere Bruder von Hermann Göring, der unvergessen ist, weil er vieles war: die Nummer 2 nach Hitler; Organisator der Luftwaffe; Verantwortlicher für den Aufbau der Kriegsindustrie; Reichsforst- und Reichsjägermeister; Sammler kostbarer Bilder und Skulpturen, die er in ganz Europa rauben ließ. Undundund.

Albert Göring war das Gegenteil. Er rettete Juden und politisch Verfolgte. Er unterstützte Untergrundbewegungen in Tschechien und Ungarn und Rumänien. Er besorgte Visa und Pässe und Reisegenehmigungen und richtete sogar Konten in der Schweiz für die zur Flucht Gezwungenen ein. Das Bizarre an seiner Geschichte besteht darin, dass er meistens nur deshalb helfen konnte, weil er diesen Namen trug: Göring. Und die Versuche der Gestapo, ihn wegen seiner Rettungstaten und seiner Einstellung zu den Nazis zu verhaften und zu foltern und zu ermorden, machte der mächtige Bruder zunichte.

Das Verhältnis der beiden Brüder stand im Mittelpunkt des Dokumentarspiels. Francis Fulton-Smith spielte Hermann als furchteinflößenden Herrenmenschen, der teils selbstherrlich, teils widerwillig die Hand über seinen Bruder hält. In fünf Szenen begegnen sie sich: bei der Beerdigung der Mutter im Sommer 1923; auf Carinhall 1935, als Emmy, Hermanns zweite Frau, Albert um ein Unterkommen für Henny Porten bittet, den Filmstar, der mit einem Juden verheiratet ist und deshalb bei Goebbels in Ungnade fällt; auf Burg Mauterndorf 1939, als Albert seinen großen Bruder um Zustimmung für eine neue Stelle bei Skoda bittet, die Prager Rüstungsschmiede, die zu den "Reichswerken Hermann Göring" gehört; 1944 in Berlin, als die Gestapo Albert ans Leder will; in amerikanischer Kriegsgefangenschaft am 13. Mai 1945.

Ich bin vor drei Jahren über diesen Stoff gestolpert. Ein junger Australier hatte ein Büchlein geschrieben und darin begeistert vom guten Göring erzählt. Ich las alles, was es über Albert Göring in Archiven gibt: Verhörprotokolle in amerikanischer Kriegsgefangenschaft; den Freispruch im Prozess in Prag, bei dem reihenweise Skoda-Angestellte als Entlastungszeugen auftraten; den langen Artikel eines Geretteten, Ernst Neubach, aus dem Jahr 1962; eine BBC-Dokumentation aus dem Jahr 1998; Unterlagen, die in Yad Vashem liegen, um Albert Göring als "Gerechten unter den Völkern" auszeichnen zu lassen, die höchste Auszeichnung des Staates Israel für Nichtjuden, die Juden halfen. Daraus entstand ein Artikel Im SPIEGEL im März 2013, in dem ich meine Verwunderung äußerte, dass deutsche Historiker nichts über Albert Göring wissen und auch nichts wissen wollen.

Der Name Göring ist vergiftet. Über Hermann sind in den siebziger Jahren große Biographien entstanden, meistens von Briten. Mit ihm ist man fertig. Über ihn ist alles gesagt. Sein kleiner Bruder kommt in belanglosen Nebensätzen vor. Es blieb einem Briten, James Wyllie, und einem Australier, William Hastings Burke, überlassen, über Albert Göring Bücher zu verfassen. Die Auflagen: mager. Das Interesse: mau.

Dokumentarspiele haben in Deutschland inzwischen eine Tradition. Über Eichmann und Otto Weidt, den blinden Judenretter, der Yad Vashem ehrte, entstand diese Kombination aus Dokumentation und Spiel, wobei das Spiel entweder historisch beglaubigt oder historisch belegt sein muss. Das Feuilleton liebt Dokumentarspiele nicht recht, auch wenn seit Heinrich Breloer und Horst Königstein wunderbare Exemplare dieses Genres entstanden sind. Den einen Feuilletonisten ist zu wenig Spiel dabei, den anderen zu wenig Dokumentation. So sind beide unzufrieden.

Ich kann das Unbehagen verstehen. Im Fall des guten Göring ist diese Mischform aber nur angemesssen. Wäre die Geschichte des Bruders ganz im Spiel aufgegangen, hätten die Zuschauer Zweifel daran gehabt, dass sie wahr ist, dass es wirklich so gewesen ist, wie es erzählt wird. Als reine Dokumentation wäre das entscheidende Bruderverhältnis zu kurz gekommen. So haben wir uns entschlossen, ein Dokumentarspiel daraus zu machen.

Die Arbeit an diesem Projekt war ein großes Vergnügen. Der Regisseur Kai Christiansen, der Kameramann Jan Kerhart, die beiden Hauptdarsteller Fulton-Smith und Barnaby Metschurat wühlten sich auf eindrucksvolle Weise in den Stoff hinein. Jörg Brückner schrieb das Drehbuch mit glänzenden Einfällen.

Am Anfang war ich der Monopolist in der Materie. Am Ende ein Wissender unter vielen Wissenden. Und die Schauspieler ließen die Worte leben, schweben und luden sie mit der komplexen Bedeutung auf, die der Zeit und der Sache angemessen ist.

Die Zuschauer honorierten am 11. Januar das anspruchsvolle Projekt. 14,1 Prozent sahen zu. Das ist eine Bestätigung dafür, dass die Geschichte des guten Göring Erstaunen erregen kann. Das ist wichtig für das nächste Mal, für ein neues historisches Projekt, für ein weiteres Dokumentarspiel.

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