Auf mich kommt es an

An der Universität Lüneburg gibt es an jedem Mittwoch eine Vorlesung über ein philosophisches Thema. Sie dauert zehn Minuten. Kürze ist eine Herausforderung. Kürze und Philosophie sind eine starke Herausforderung.
„Ich bin das Ereignis“ wäre mein Thema. Denn ich bin davon fasziniert, wie häufig Menschen aus hohen Höhen in tiefe Tiefen fallen, weil sie sich mit ihrer Aufgabe, ihrer Funktion, ihrem Medium verwechseln. Sie glauben, nur sie und kein anderer seien so gut, dass sie alles erreichen und sich alles erlauben könnten.
Das neueste Beispiel ist José Mourinho, der Trainer des FC Chelsea, der sich zum Weltstar machte, egal welche Mannschaft er trainierte, und sich zum „Special One“ aufschwang. Jahrelang hatte er damit Erfolg. Er durfte die besten Mannschaften der Welt trainieren. Er war ein Wanderer, der aus Portugal kam und in Italien, England und Spannung Engagements fand. Er machte sich zur singulären Erscheinung und besaß die Deutungshoheit über das Spiel, den Schiedsrichter, die Fußballwelt. Seine Mannschaften spielen nie auffällig schön, aber immer effizient. Seine Philosophie lautet: Ich gewinne, und ihr gewinnt die großen Spiele nur dank mir. Auf mich kommt es an. Nicht auf die Spieler, den Besitzer. Auf mich, stupid!
In diesen Tagen verliert sein Klub, der FC Chelsea, Spiel auf Spiel. Die Aura ist weg. Die Spannung ist groß, wie lange er Trainer bleiben darf. Die Neider, die Gegner, die Beobachter gehen Wetten ein, wie oft er noch verlieren muss, bevor Roman Abramovich einschreitet. Auch andere Trainer haben ihren Einfluss auf ihre Mannschaft verloren, aber der Fall Mourinho bekommt durch die Selbstaoptheose exemplarischen Charakter.
Mourinho ist nur ein x-beliebiges Beispiel für riskante Selbstüberhebung. Für Mourinho kann man auch Winterkorn/Schrempp/Piech/Wulff/VW/Deutsche Bank/Siemens und all die anderen setzen, die sich für das Ereignis erachten und das große Rad drehen und an ihrer Hybris scheitern. Längst sollte es einen Klub geben, in dem sich die ehemaligen Großereignisselbstdarsteller treffen, in dem sie über die Kleindarsteller, die ihre Nachfolger sein wollen, lästern dürfen.
Hoch hinaus, tief hinunter: Letztlich läuft es darauf hinaus, was die Alten schon wussten – Hybris verursacht Nemesis. „Noch keinen sah ich glücklich enden/auf den mit übervollen Händen/die Götter ihre Gaben streun“, heisst es bei Schiller. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

4. November 2015