Der Grübler aus Langenhorn

 

Helmut Schmidt begegnete ich zum ersten Mal im Jahr 1983. Ich war ein junger Redakteur
im politischen Ressort der „Zeit“, und der abgewählte Kanzler kam als Herausgeber
ins Haus. Das war schon ziemlich komisch, denn über uns Journalisten hatte er ja gerade
noch höchst abschätzig geredet, wobei „Wegelagerer“ noch zu den freundlichen Sottisen
gehörte.
Und nun gönnte sich der Eigentümer des Wochenblattes einen ehemaligen
Bundeskanzler als Leitfigur und der schrieb die Wochenzeitung voll, als hätte er nie etwas anderes
gemacht.

Mehr als alles andere war Helmut Schmidt ein anspruchsvoller Mann, anspruchsvoll mit
anderen, aber mehr noch mit sich selber. Wenn er sich äußerte, als
Bundestagsabgeordneter, Fraktionsvorsitzender, vielfältiger Minister oder eben als
Schreiber war er über alles informiert, was es zu lesen gab. Wahrscheinlich
begriff er das Leben als permanentes Studium und wollte sich eines bestimmt nicht
nachsagen lassen: Wissenslücken.

Natürlich wirkte die Darbietung gesammelter Erkenntnisse, im hanseatischen Singsang
vorgetragen, oft genug arrogant. Auf ihn selber besaß die Anspruchshaltung aber eine
gegenteilige Wirkung, denn seine Arroganz ging mit grundlegender Skepsis über die
Begrenzung des Wissens einher. Er zitierte Kant nicht nur gerne, er hat ihn auch
beherzigt: Erstens ist der Mensch aus krummem Holz und zweitens ist jede Erkenntnis
vorläufig und sollte revidierbar sein.

In vielem war Helmut Schmidt ein Autodidakt. Er gehörte zu den ungemein wenigen
Politikern, die auf ständiger Fortbildung waren. Als es wichtig war, über die Zahl und die
Reichweite von Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen Bescheid zu wissen und auch über
die (heute seltsam anmutende) Philosophie des Nuklearzeitalters (flexible response gegen
mutually assured destruction hieß das), da fraß er alles Geschriebene in sich hinein. So
hielt er es auch als Finanzminister und Verteidigungsminister. Als Kanzler war er der
idealtypische Gesamtminister, bei dem jeder Fachminister befürchten musste, an die
Wand gespielt zu werden. Am Ende war er eine wandelnde Enzyklopädie der deutschen
Nachkriegsgeschichte samt ihrer Vorgeschichte, dazu der amerikanischen, chinesischen
oder indischen Geschichte.

Ohne diese umfassende Kompetenz wäre seine späte Popularität nicht möglich gewesen.
Er konnte zum Weisen aus Langenhorn werden, weil er für seinen hohen Anspruch an
sich selber bekannt war. Ihm wurde höheres Wissen zugebilligt, da er sich nicht so oft
grundlegend geirrt hatte wie Franz Josef Strauß, der abendländisch gebildeter war, aber
den sein explosives Gemüt zu grotesken Fehleinschätzungen trieb. Er war auch kein
egomanischer Triebtäter wie Helmut Kohl, der seinen Abschied vom Kanzleramt lange
nicht so gut hin bekam wie Helmut Schmidt.

Er war ein Pragmatiker, aber was ist das eigentlich: ein Pragmatiker? Pragmatismus kann
eine flache Pseudophilosophie sein, und viele unter uns Journalisten haben sich über
Schmidt lustig gemacht, als sei ein Pragmatiker bloß ein Macher ohne Tiefgang. Schmidt
ohne Tiefgang? So ein Quatsch. Ein Pragmatiker wie er war einer, der die Grenzen seines
Handelns kannte und wusste, dass Handeln Schuld einschließen kann: wie bei der
Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers. Als Pragmatiker war Schmidt ein
Grübler. Ein Nachdenker. Einer, der Konsequenzen auf sich nahm, wie den Verzicht
darauf, im Fall einer Entführung ausgetauscht zu werden.

Als Kanzler kümmerte sich Helmut Schmidt um die Krisen, die anfielen: Erdölkrise,
Inflationskrise, Arbeitslosigkeitskrise, Entspannungspolitikkrise, Irankrise (Chomeinis
Einzug in Teheran 1979), Afghanistankrise (wegen des Einmarsches der Russen 1979). Er
schlug sich genauso durch wie sich die Deutschen durch ihr Leben schlugen, pragmatisch
und illusionslos: autofreie Sonntage, teures Benzin, die Kinder bei den
Anti-Atomdemonstrationen in Brokdorf und Mutlangen, Ende der gesicherten Rente und der
jährlichen Gehaltserhöhungen.

Schmidt war auf hohem Niveau nicht viel anders als diejenigen, die er regierte. Er sagte ihnen, lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslosigkeit. Bald hatte Deutschland beides, aber jeder kann sich mal irren. Als Kanzler war Schmidt anstrengend mit seinen ständigen Exkursen über
die Bürde des Amtes und die Schwere der Weltwirtschafts-/Weltfinanz-/
Weltkrisenherdprobleme. Als Ex-Kanzler schrieb er dann Bücher, wie er zuvor Reden
gehalten hatte, und sie wurden zu Bestsellern. Warum?

Bei ihm wirkte sich aus, dass er vorher schon glaubwürdig gewesen war. Dazu gehörte
seine seltsame Bescheidenheit trotz dicken Bankkontos. Das Reihenhaus in Hamburg-Langenhorn
blieb trotz aller Sicherheitseinrichtungen ein Reihenhaus. Das Haus am Brahmsee war
luxusabgewandt. Anzüge von der Stange. Essen rustikal. Zigaretten, das schon, aber was
soll‘s. Einer wie viele andere. Ohne Bohei, ohne Tamtam.

Ohne Glaubwürdigkeit wäre er nicht zu dieser Ikone geworden, zu diesem Popstar, dem
sie an den Lippen hingen, wenn er sich auf der Bühne von Giovanni di Lorenzo befragen
ließ oder im Fernsehen von Sandra Maischberger. Er wusste, wie man die Leute in den
Bann schlägt: mit diesen langen Pausen, durch das Anzünden einer Zigarette tückisch
gefüllt; mit den Rügen für die Journalisten („Ihre Frage verstehe ich nicht“); mit diesen
loriothaften Einlagen, vorzugsweise im Tandem mit Richard von Weizsäcker, wenn sich
die alten Männer in einer TV-Sendung glucksend einfach weiter unterhielten und den
Moderator ignorierten, bis der im Boden versunken war.

Dank der Glaubwürdigkeit nahm man ihm so manche Fehleinschätzung nicht übel. „Er
kann es“ , sagte Schmidt über Peer Steinbrück und half ihm dabei, zum
Kanzlerkandidaten der SPD aufzusteigen. Wahlkämpfen jedenfalls konnte Steinbrück nicht
besonders gut. Oder die Nachsicht mit Wladimir Putin: war wohl doch nicht angebracht.

Wichtiger war, dass Schmidt als Gegenmodell zu den
Hochgeschwindigkeitsurteilern à la Sigmar Gabriel verstanden werden konnte. Das ist
durchaus bedenkenswert, denn für die vorherrschende SPD-Generation (und die anderer
Parteien auch) ist die solide Anhäufung vielerlei Wissens kein Selbstzweck, um es
milde zu sagen. Auf ihr Gemüt, das sie ihren Bauch nennen, bilden sie sich etwas ein.

Übrigens ist auch deshalb Angela Merkel derart unangefochten, weil sie wie
selbstverständlich den Verstand einsetzt und Erfahrung anhäuft und anwendet, einfach so,
natürlich ohne die Schmidtsche Arroganz, aber mit Selbstskepsis.

Das bleibt: Politik ernsthaft begründet mit Immanuel Kant, Max Weber und Karl Popper.
Selbstreflexion über die Begrenztheit des Tuns und des Wissens. Und die Wertschätzung
der Deutschen für überragende Figuren wie Schmidt. Daraus könnten die
Jüngeren lernen, wenn sie es wollten. Das Gejammere über die Schnelllebigkeit der
Mediengesellschaft ist nur eine Ausrede, ein fades Alibi.

Das bleibt von Helmut Schmidt: Er war einer wie viele aus seiner Generation, die sich
skeptisch und stolz daran machten, die Nachkriegsrepublik zu begründen, nicht nur gegen
Hitler oder im Kontrast zur Weimarer Republik, sondern als Einübung in eine Demokratie
in westeuropäischer Tradition. Das macht ihm so schnell keiner nach. Und deshalb fehlt
er: als Hanseat, Ex-Kanzler, „Zeit“-Vollschreiber, als Bühnen- und Fernsehereignis, als
Dauerraucher, als Welterklärer, als Helmut Schmidt.

Als ein Vorbild für das, worauf es ankommt: Vertrauen durch Glaubwürdigkeit.

 

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