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Höllischer Spaß am Feuer / Von Gerhard Spörl (auf t-Online)

Zum zweiten Mal in der Geschichte der Republik zieht eine Gruppierung in den Bundestag ein, die aus einer Bewegung stammt und noch keine richtige Partei ist. Sie strotzt vor Selbstbewusstsein über ihre historische Mission und steckt voller ominöser Vorsätze. Ihr betagter Anführer Alexander Gauland verstieg sich gezielt zu dem Satz, die AfD werde „Frau Merkel jagen“. Womit und wohin? 

Die erste Gruppierung, die als Bewegung geboren wurde und noch nicht Partei war, sind natürlich die Grünen. Auch sie wollten anders sein, eine Antiparteienpartei, wie Petra Kelly, eine ihrer vergessenen Ikonen, damals deklarierte. Sie kamen aus der außerparlamentarischen Opposition der siebziger Jahre. Angefangen hatten sie in der Ökologie- und Antikernkraft-Bewegung, unter ihnen waren konservative Umweltschützer, brave Hüter von Wald und Flur, aber auch linksradikale Systemkritiker, die ihre winzigen Sekten, in denen sie Mao gehuldigt und Stalin rechtfertigt hatten, fluchtartig verließen, als sich die Chance bot, Politkommissare der neuen Gruppierung zu werden. Vier Jahre nach ihrer Gründung zogen die Grünen 1983 mit Pflanzen und im Strickpulli in den Bundestag ein, feindselig beobachtet von den verachteten „etablierten Parteien“. Ihr fester Vorsatz hieß: Fundamentalopposition. Ihr Feind: Helmut Kohl.

Viele Grüne kamen von ganz links und wollten es unbedingt bleiben. Viele aus der AfD kommen von ganz rechts und wollen es auch bleiben. Auf sie zielte Alexander Gauland mit einem bemerkenswerten Satz, der zu Unrecht in der flüchtigen Empörung unterging. Er sagte, dass genau so wie die Franzosen ihren Napoleon und die Briten Lord Nelson und Winston Churchill verehrten, dürften auch die Deutschen verehren – ja, aber wen denn? Konsequent in der Reihe der Heroen wäre natürlich gewesen, jetzt einen großen deutschen Namen zu nennen, meinetwegen Bismarck, aber eigentlich lag ihm Hitler auf der Zunge, und die Rechtsradikalen in der AfD verstanden ihn genau so, auch wenn  Gauland im letzten Augenblick einen Schwenk vornahm und die tapferen deutschen Soldaten als verehrungswürdig bezeichnete. Da spielt ein hochgradig intelligenter, belesener Mann, den die Popularität im späten Leben trunken macht, mit dem Feuer und hat höllischen Spaß daran.

Momentan schauen wir noch entgeistert und wie unter Schockstarre auf dieses neue Phänomen, das bürgerlich konservativ bis rechtsradikal gestimmt ist. Es begann mit der Eurokrise und Pegida und mit der ressentimentgetränkten Wut auf Flüchtling. Währenddessen verhandeln die Grünen wohlgesetzt mit der Kanzlerin und der FDP um Teilhabe an der Regierungskoalition. So kann es gehen, so ist es gegangen mit den Grünen, längst sind sie mitten in der Gesellschaft angekommen, von der sie sich einst schaudernd abgegrenzt hatten.

Die Geschichte der Grünen ist eine Lehre dafür, dass Bewegungen nicht folgenlos in Parlamente einziehen. Wenn sie so bleiben wollen, wie sie sind, halten sie sich am besten fern. Denn aus Bewegungen entstehen Parteien, wenn sie sich nicht einmalig, sondern dauerhaft um Sitze im Landtag und im Bundestag bewerben. Und die Parteien mendeln sich, sie häuten sich, sie werfen Ballast ab. Dem Anfang mag ein Zauber innewohnen, aber darauf folgen Macht- und Sachkämpfe, die der Verwandlung einer Bewegung in eine Partei eine eigenartige Tiefenschärfe geben. Erinnert sich noch jemand an Jutta Ditfurth? An das Hamburger Duo Infernale Trampert/Ebermann?

Dass Duo Infernale der AfD sind Alexander Gauland und Alice Weidel. Unzweifelhaft ist Gauland der Kopf, der die Ausweitung ins völkisch Nationale betrieben hat. Die Dauer seines Einflusses dürfte jedoch begrenzt sein, er ist 76 Jahre alt. Er kommt aus der CDU und er  will die CDU so in die Knie zwingen, wie Oskar Lafontaine die SPD um die Macht bringen wollte. Aber welchen Dreh gibt Gauland der AfD in den nächsten vier Jahren? Am ehesten dürfte ihm eine bundesweite CSU vorschweben, die irgendwann stärker sein soll als die CDU und die konservativen Werte hütet wie einen Augapfel. Dafür braucht er den enthemmten rechten Rand heute, doch morgen vielleicht schon nicht mehr.

Ob es uns gefällt oder nicht, die AfD ist da und an ihr hängt es, ob sie da bleibt oder wieder verschwindet. Bleibt sie, werden in den Parlamenten Veränderungen über sie kommen, wie sie über die Grünen gekommen ist. Die Trennung in Realos und Fundis gehört dazu. Unser ganzes politisches System ist auf Teilnahme ausgerichtet, und wer wie die AfD binnen kurzem in die Parlamente gewählt wird, bekommt Kräfte zu spüren, die auf ihn einwirken. Dabeisein heißt immer auch mitmachen. Und immer gibt es in den Bewegungen eine kleine Clique, die Spaß am Mitmachen entwickelt und über das bloße Dabeisein hinaus gehen möchte. Dafür wirbt sie dann und stellt die Machtfrage: Wenn wir schon in Parlamenten sitzen, sollten wir nicht auch mit regieren, vielleicht erst in einem Bundesland und dann in Berlin? Ist Opposition auf Dauer nicht Mist?

Unser Wahlsystem ist auf Wiederspiegelung der gesellschaftlichen Verhältnisse angelegt. So kommt es, dass neue politische Phänomene, die ein gewisses milieuhaftes Fundament haben, ziemlich schnell in Parlamente einziehen können. Sie mögen die Illusion haben, dass sie alles ändern werden, ohne sich selber zu ändern. Gut, dass es nicht so ist. Im Gegenteil, sie müssen sich morgen ändern, ob sie es heute wollen oder nicht. Und wenn es gut geht, verlieren sie dabei an Unansehnlichkeit, an frei flottierendem Irrsinn und im Fall der AfD an hetzerischer Erinnerung an die böse alte Zeit.

Die Erfahrung lehrt, dass wir auf den Parlamentarismus als Motor der Integration und auf die läuternde Kraft der Demokratie vertrauen können. Das ist ein tröstlicher Gedanke im Meer der Aufregung über die Veränderungen, die vor unseren Augen passieren.

 

 

 

 

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Oskars Wiedergänger

Neulich sah ich Alexander Gauland im Frühstücksfernsehen. Ich muss gestehen, ich mag ihn. Ich mag ihn so, wie ich ihn seit vielen Jahren kenne. Ich kenne ihn als den liberalen Konservativen, der kluge Bücher über britische Konservative schrieb und sich in deutscher Geschichte bewegte wie in einem schönen, schattigen Park. Allerdings habe ich viele Jahre nicht mehr gesehen.

Im Interview ging es um das bemerkenswerte Stuttgarter Durcheinander, bei dem ein AfD-Landtagsabgeordneter mit seinen antisemitischen Einlassungen die gesamte Fraktion sprengte, so dass die Bundesvorsitzende Frauke Petry anreiste, um Frieden zu stiften, was keiner der Beteiligten gut fand. Gauland erklärte mir und den anderen Frühstücksfernsehzuschauern, was es mit dem Stuttgarter Tohuwabohu auf sich hat und warum Frauke Petry einen Fehler beging, indem sie sich ins Getümmel warf.

Alles, was er sagte, war vernünftig. Er war der Gauland, den ich kenne. Ein Beobachter und Bewerter. Ein Versteher und Interpret.

Er sagte, die AfD sei eine junge Partei, die sich häutet und seltsame Menschen anzieht, die sich mit der Politik schwer tun, weil Politik mit Kompromissen und Mehrheiten operiert und missionarisch gestimmten Gesinnungstätern das Leben schwer macht. Er erinnerte an die chaotischen Anfangsjahre der Grünen und der Piraten.

Er hatte recht in allem, was er sagte.

Dabei machte er allerdings vergessen, dass gerade er, der Landesvorsitzende in Brandenburg, die Schmuddelkinder in die Partei geholt hatte und sie für respektabel erklärte. Der Grund liegt darin, dass aus seiner Sicht eine Partei nicht nur aus Euro-Verächtern wie Bernd Lucke oder Olaf Henkel bestehen kann, wenn sie sich etablieren möchte, sondern auch das Nationale abdecken muss: die Pegida-Leute und den rechten Rand, der sich im Hass auf das Establishment in Politik und Medien austobt und klammheimliche Freude empfindet, wenn Flüchtlingsheime in Flammen aufgehen.

Mit den Bürgerlichen lässt sich eine Partei aufbauen. Mit den Antibürgerlichen wird sie erst stark. Das ist die Logik.

Zuerst erweiterte Gauland die Grenzen nach rechts gegen die Liberalen, die sich damit nicht abfinden wollten. Jetzt zieht er die Grenze: Rechts ist okay, Antisemitismus ist nicht okay. Da wird er grundsätzlich. Deshalb geht der Kampf weiter, und nun eben gegen Frauke Petry, die sich überall einmischt und im Kern unpolitisch ist.

Gauland ist der Lafontaine der AfD. Er ist ihr Dirigent. Er bestimmt, wie weit seine Partei ausfransen darf. Er ist der Intellektuelle, der glaubwürdig ist, weil er klug ist und auch alt, 75 Jahre. Ihm bleibt nicht viel Zeit im Geschirr, aller Voraussicht nach. Er hat es eilig.

In der AfD nimmt man ihm ab, dass es ihm um die Sache geht. Seine Sache ist ein neuer Konservatismus aus bürgerlicher Wurzel mit einem großen Wurmfortsatz aus kleinbürgerlichen Anhängern und Wählern, die sich verlassen fühlen und aufgegeben und eine neue Heimat suchen. Eine CDU schwebt Gauland vor, die das C ernst nimmt, zumindest als moralischen Auftrag, und der ein neues U formiert, die Union der Vernachlässigten, die gerne auch Patrioten oder Nationalisten sein dürfen und das Eigene, das Deutsche, gegen das Fremde, die Flüchtlinge, verteidigen.

Wie Lafontaine die SPD vor sich hertrieb, treibt Gauland die CDU vor sich her, die Partei, der er jahrzehntelang angehörte. Er verzeiht Angela Merkel ihre Schwenks nicht, wie Lafontaine dem Gehard Schröder die Agenda 2010 nie verzieh. Aus Gaulands Sicht ist sie die Kanzlerin, die die CDU zu einem gesinnungslosen Haufen ideologisch herunter gewirtschaftet hat. Mit dem Ende der Wehrpflicht fing es an, dann folgte der Ausstieg aus der Kernenergie, die Zerrüttung des Euro und die Wir-schaffen-das-Haltung gegenüber den vielen Flüchtlingen: Da war die CDU endgültig nicht mehr Gaulands CDU.

Der Traum Lafontaines war es, die SPD zur Umkehr zu zwingen durch Konkurrenz von links. Der Traum hat sich erfüllt. Die SPD will nichts mehr von der Agenda 2010 wissen, krebst im Niemandsland der 20 Prozent herum und hat keine Aussicht darauf, in näherer Zukunft den Kanzler zu stellen. Der Traum Gaulands ist es, die CDU bei der nächsten Bundestagswahl 2017 so klein zu machen, dass sie sich besinnt und die Kanzlerin stürzt und zur Umkehr aufruft: zur CDU, die er meint und für wichtig hält. Und dafür soll die AfD sorgen, wie er sie formt und prägt: national ja, antisemitisch nein.

Deshalb werden wir Frühstücksfernsehzuschauer noch häufig den doppelten Gauland zu Gesicht bekommen. Den netten von früher und den Wiedergänger von Oskar Lafontaine.

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Der gute Göring

Am 11. Januar lief in der ARD das Dokumentarspiel "Der gute Göring". Das ist die Geschichte von Albert Göring, eines guten Menschen in finsterer Zeit, der schnell in Vergessenheit geriet, als der Zweite Weltkrieg vorbei war und die Bundesrepublik entstand. Albert Göring war der jüngere Bruder von Hermann Göring, der unvergessen ist, weil er vieles war: die Nummer 2 nach Hitler; Organisator der Luftwaffe; Verantwortlicher für den Aufbau der Kriegsindustrie; Reichsforst- und Reichsjägermeister; Sammler kostbarer Bilder und Skulpturen, die er in ganz Europa rauben ließ. Undundund.

Albert Göring war das Gegenteil. Er rettete Juden und politisch Verfolgte. Er unterstützte Untergrundbewegungen in Tschechien und Ungarn und Rumänien. Er besorgte Visa und Pässe und Reisegenehmigungen und richtete sogar Konten in der Schweiz für die zur Flucht Gezwungenen ein. Das Bizarre an seiner Geschichte besteht darin, dass er meistens nur deshalb helfen konnte, weil er diesen Namen trug: Göring. Und die Versuche der Gestapo, ihn wegen seiner Rettungstaten und seiner Einstellung zu den Nazis zu verhaften und zu foltern und zu ermorden, machte der mächtige Bruder zunichte.

Das Verhältnis der beiden Brüder stand im Mittelpunkt des Dokumentarspiels. Francis Fulton-Smith spielte Hermann als furchteinflößenden Herrenmenschen, der teils selbstherrlich, teils widerwillig die Hand über seinen Bruder hält. In fünf Szenen begegnen sie sich: bei der Beerdigung der Mutter im Sommer 1923; auf Carinhall 1935, als Emmy, Hermanns zweite Frau, Albert um ein Unterkommen für Henny Porten bittet, den Filmstar, der mit einem Juden verheiratet ist und deshalb bei Goebbels in Ungnade fällt; auf Burg Mauterndorf 1939, als Albert seinen großen Bruder um Zustimmung für eine neue Stelle bei Skoda bittet, die Prager Rüstungsschmiede, die zu den "Reichswerken Hermann Göring" gehört; 1944 in Berlin, als die Gestapo Albert ans Leder will; in amerikanischer Kriegsgefangenschaft am 13. Mai 1945.

Ich bin vor drei Jahren über diesen Stoff gestolpert. Ein junger Australier hatte ein Büchlein geschrieben und darin begeistert vom guten Göring erzählt. Ich las alles, was es über Albert Göring in Archiven gibt: Verhörprotokolle in amerikanischer Kriegsgefangenschaft; den Freispruch im Prozess in Prag, bei dem reihenweise Skoda-Angestellte als Entlastungszeugen auftraten; den langen Artikel eines Geretteten, Ernst Neubach, aus dem Jahr 1962; eine BBC-Dokumentation aus dem Jahr 1998; Unterlagen, die in Yad Vashem liegen, um Albert Göring als "Gerechten unter den Völkern" auszeichnen zu lassen, die höchste Auszeichnung des Staates Israel für Nichtjuden, die Juden halfen. Daraus entstand ein Artikel Im SPIEGEL im März 2013, in dem ich meine Verwunderung äußerte, dass deutsche Historiker nichts über Albert Göring wissen und auch nichts wissen wollen.

Der Name Göring ist vergiftet. Über Hermann sind in den siebziger Jahren große Biographien entstanden, meistens von Briten. Mit ihm ist man fertig. Über ihn ist alles gesagt. Sein kleiner Bruder kommt in belanglosen Nebensätzen vor. Es blieb einem Briten, James Wyllie, und einem Australier, William Hastings Burke, überlassen, über Albert Göring Bücher zu verfassen. Die Auflagen: mager. Das Interesse: mau.

Dokumentarspiele haben in Deutschland inzwischen eine Tradition. Über Eichmann und Otto Weidt, den blinden Judenretter, der Yad Vashem ehrte, entstand diese Kombination aus Dokumentation und Spiel, wobei das Spiel entweder historisch beglaubigt oder historisch belegt sein muss. Das Feuilleton liebt Dokumentarspiele nicht recht, auch wenn seit Heinrich Breloer und Horst Königstein wunderbare Exemplare dieses Genres entstanden sind. Den einen Feuilletonisten ist zu wenig Spiel dabei, den anderen zu wenig Dokumentation. So sind beide unzufrieden.

Ich kann das Unbehagen verstehen. Im Fall des guten Göring ist diese Mischform aber nur angemesssen. Wäre die Geschichte des Bruders ganz im Spiel aufgegangen, hätten die Zuschauer Zweifel daran gehabt, dass sie wahr ist, dass es wirklich so gewesen ist, wie es erzählt wird. Als reine Dokumentation wäre das entscheidende Bruderverhältnis zu kurz gekommen. So haben wir uns entschlossen, ein Dokumentarspiel daraus zu machen.

Die Arbeit an diesem Projekt war ein großes Vergnügen. Der Regisseur Kai Christiansen, der Kameramann Jan Kerhart, die beiden Hauptdarsteller Fulton-Smith und Barnaby Metschurat wühlten sich auf eindrucksvolle Weise in den Stoff hinein. Jörg Brückner schrieb das Drehbuch mit glänzenden Einfällen.

Am Anfang war ich der Monopolist in der Materie. Am Ende ein Wissender unter vielen Wissenden. Und die Schauspieler ließen die Worte leben, schweben und luden sie mit der komplexen Bedeutung auf, die der Zeit und der Sache angemessen ist.

Die Zuschauer honorierten am 11. Januar das anspruchsvolle Projekt. 14,1 Prozent sahen zu. Das ist eine Bestätigung dafür, dass die Geschichte des guten Göring Erstaunen erregen kann. Das ist wichtig für das nächste Mal, für ein neues historisches Projekt, für ein weiteres Dokumentarspiel.

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Obamas Welt

Zum ersten Mal in seinem Leben hält sich Barack Obama in Vietnam auf. Obama ist Jahrgang 1961 und unbefleckt von diesem Krieg, den John F. Kennedy begann, Lyndon Johnson verschärfte und Richard Nixon so lange und so grausam geführt hat, bis Amerika fast darüber zerbrach und zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern dieser Erde blanker Antiamerikanismus ausbrach.

Das Erstaunliche an Vietnam ist dies: Dieses Land interessiert sich nicht für die Vergangenheit, sondern zuerst und zuletzt für die Gegenwart. In der Gegenwart gibt es einen gelenkten Kapitalismus, der für Wohlstand sorgt und diesen Menschen seit geraumer Zeit Lebenschancen einräumt. Wenn Gespräche ins Politische driften, dann hört man solche Sätze: Mit Amerika haben wir ein paar Jahre lang einen Krieg geführt, mit China haben wir seit Jahrhunderten Probleme.

Amerika und Vietnam haben längst wieder diplomatische Beziehungen. Die wirtschaftlichen Beziehungen verlaufen so gut wie reibungslos. Die beiden Länder arbeiten militärisch zusammen. Vietnam möchte nun Waffensysteme kaufen, Amerika wird sie gerne liefern.

Zu den Paradoxien seiner Amtszeit gehört es, dass Obama seinen Einsichten keinen Raum geben konnte. Er ist der Meinung, dass die Welt dem Nahen Osten zu viel und dem Indischen Ozean zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Dennoch gehört die Gewichtsverlagerung zu seinem Erbe. Dafür sorgt natürlich China.

Japan und Südkorea binden sich enger an die westliche Führungsmacht. Myanmar und Vietnam neigen zu Amerika, weil sie Nachbarn Chinas sind. Andere Länder wie die Philippinen bekommen die Selbstherrlichkeit zu spüren, wenn sie Rechte auf diese seltsamen Eilande im südchinesischen Meer erheben, die China für sich beansprucht.

Es gibt noch ein anderes Erbteil aus den acht Jahren Obama. Die asiatischen Verbündeten fragen sich, wie verlässlich diese Supermacht noch ist und wie sie sich in Konflikten wohl verhalten wird. Jedenfalls ist Amerika nicht mehr die Konstante, an der sich alle ausrichten können und sollen.

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Nachruf

Der Grübler aus Langenhorn

 

Helmut Schmidt begegnete ich zum ersten Mal im Jahr 1983. Ich war ein junger Redakteur
im politischen Ressort der „Zeit“, und der abgewählte Kanzler kam als Herausgeber
ins Haus. Das war schon ziemlich komisch, denn über uns Journalisten hatte er ja gerade
noch höchst abschätzig geredet, wobei „Wegelagerer“ noch zu den freundlichen Sottisen
gehörte.
Und nun gönnte sich der Eigentümer des Wochenblattes einen ehemaligen
Bundeskanzler als Leitfigur und der schrieb die Wochenzeitung voll, als hätte er nie etwas anderes
gemacht.

Mehr als alles andere war Helmut Schmidt ein anspruchsvoller Mann, anspruchsvoll mit
anderen, aber mehr noch mit sich selber. Wenn er sich äußerte, als
Bundestagsabgeordneter, Fraktionsvorsitzender, vielfältiger Minister oder eben als
Schreiber war er über alles informiert, was es zu lesen gab. Wahrscheinlich
begriff er das Leben als permanentes Studium und wollte sich eines bestimmt nicht
nachsagen lassen: Wissenslücken.

Natürlich wirkte die Darbietung gesammelter Erkenntnisse, im hanseatischen Singsang
vorgetragen, oft genug arrogant. Auf ihn selber besaß die Anspruchshaltung aber eine
gegenteilige Wirkung, denn seine Arroganz ging mit grundlegender Skepsis über die
Begrenzung des Wissens einher. Er zitierte Kant nicht nur gerne, er hat ihn auch
beherzigt: Erstens ist der Mensch aus krummem Holz und zweitens ist jede Erkenntnis
vorläufig und sollte revidierbar sein.

In vielem war Helmut Schmidt ein Autodidakt. Er gehörte zu den ungemein wenigen
Politikern, die auf ständiger Fortbildung waren. Als es wichtig war, über die Zahl und die
Reichweite von Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen Bescheid zu wissen und auch über
die (heute seltsam anmutende) Philosophie des Nuklearzeitalters (flexible response gegen
mutually assured destruction hieß das), da fraß er alles Geschriebene in sich hinein. So
hielt er es auch als Finanzminister und Verteidigungsminister. Als Kanzler war er der
idealtypische Gesamtminister, bei dem jeder Fachminister befürchten musste, an die
Wand gespielt zu werden. Am Ende war er eine wandelnde Enzyklopädie der deutschen
Nachkriegsgeschichte samt ihrer Vorgeschichte, dazu der amerikanischen, chinesischen
oder indischen Geschichte.

Ohne diese umfassende Kompetenz wäre seine späte Popularität nicht möglich gewesen.
Er konnte zum Weisen aus Langenhorn werden, weil er für seinen hohen Anspruch an
sich selber bekannt war. Ihm wurde höheres Wissen zugebilligt, da er sich nicht so oft
grundlegend geirrt hatte wie Franz Josef Strauß, der abendländisch gebildeter war, aber
den sein explosives Gemüt zu grotesken Fehleinschätzungen trieb. Er war auch kein
egomanischer Triebtäter wie Helmut Kohl, der seinen Abschied vom Kanzleramt lange
nicht so gut hin bekam wie Helmut Schmidt.

Er war ein Pragmatiker, aber was ist das eigentlich: ein Pragmatiker? Pragmatismus kann
eine flache Pseudophilosophie sein, und viele unter uns Journalisten haben sich über
Schmidt lustig gemacht, als sei ein Pragmatiker bloß ein Macher ohne Tiefgang. Schmidt
ohne Tiefgang? So ein Quatsch. Ein Pragmatiker wie er war einer, der die Grenzen seines
Handelns kannte und wusste, dass Handeln Schuld einschließen kann: wie bei der
Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers. Als Pragmatiker war Schmidt ein
Grübler. Ein Nachdenker. Einer, der Konsequenzen auf sich nahm, wie den Verzicht
darauf, im Fall einer Entführung ausgetauscht zu werden.

Als Kanzler kümmerte sich Helmut Schmidt um die Krisen, die anfielen: Erdölkrise,
Inflationskrise, Arbeitslosigkeitskrise, Entspannungspolitikkrise, Irankrise (Chomeinis
Einzug in Teheran 1979), Afghanistankrise (wegen des Einmarsches der Russen 1979). Er
schlug sich genauso durch wie sich die Deutschen durch ihr Leben schlugen, pragmatisch
und illusionslos: autofreie Sonntage, teures Benzin, die Kinder bei den
Anti-Atomdemonstrationen in Brokdorf und Mutlangen, Ende der gesicherten Rente und der
jährlichen Gehaltserhöhungen.

Schmidt war auf hohem Niveau nicht viel anders als diejenigen, die er regierte. Er sagte ihnen, lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslosigkeit. Bald hatte Deutschland beides, aber jeder kann sich mal irren. Als Kanzler war Schmidt anstrengend mit seinen ständigen Exkursen über
die Bürde des Amtes und die Schwere der Weltwirtschafts-/Weltfinanz-/
Weltkrisenherdprobleme. Als Ex-Kanzler schrieb er dann Bücher, wie er zuvor Reden
gehalten hatte, und sie wurden zu Bestsellern. Warum?

Bei ihm wirkte sich aus, dass er vorher schon glaubwürdig gewesen war. Dazu gehörte
seine seltsame Bescheidenheit trotz dicken Bankkontos. Das Reihenhaus in Hamburg-Langenhorn
blieb trotz aller Sicherheitseinrichtungen ein Reihenhaus. Das Haus am Brahmsee war
luxusabgewandt. Anzüge von der Stange. Essen rustikal. Zigaretten, das schon, aber was
soll‘s. Einer wie viele andere. Ohne Bohei, ohne Tamtam.

Ohne Glaubwürdigkeit wäre er nicht zu dieser Ikone geworden, zu diesem Popstar, dem
sie an den Lippen hingen, wenn er sich auf der Bühne von Giovanni di Lorenzo befragen
ließ oder im Fernsehen von Sandra Maischberger. Er wusste, wie man die Leute in den
Bann schlägt: mit diesen langen Pausen, durch das Anzünden einer Zigarette tückisch
gefüllt; mit den Rügen für die Journalisten („Ihre Frage verstehe ich nicht“); mit diesen
loriothaften Einlagen, vorzugsweise im Tandem mit Richard von Weizsäcker, wenn sich
die alten Männer in einer TV-Sendung glucksend einfach weiter unterhielten und den
Moderator ignorierten, bis der im Boden versunken war.

Dank der Glaubwürdigkeit nahm man ihm so manche Fehleinschätzung nicht übel. „Er
kann es“ , sagte Schmidt über Peer Steinbrück und half ihm dabei, zum
Kanzlerkandidaten der SPD aufzusteigen. Wahlkämpfen jedenfalls konnte Steinbrück nicht
besonders gut. Oder die Nachsicht mit Wladimir Putin: war wohl doch nicht angebracht.

Wichtiger war, dass Schmidt als Gegenmodell zu den
Hochgeschwindigkeitsurteilern à la Sigmar Gabriel verstanden werden konnte. Das ist
durchaus bedenkenswert, denn für die vorherrschende SPD-Generation (und die anderer
Parteien auch) ist die solide Anhäufung vielerlei Wissens kein Selbstzweck, um es
milde zu sagen. Auf ihr Gemüt, das sie ihren Bauch nennen, bilden sie sich etwas ein.

Übrigens ist auch deshalb Angela Merkel derart unangefochten, weil sie wie
selbstverständlich den Verstand einsetzt und Erfahrung anhäuft und anwendet, einfach so,
natürlich ohne die Schmidtsche Arroganz, aber mit Selbstskepsis.

Das bleibt: Politik ernsthaft begründet mit Immanuel Kant, Max Weber und Karl Popper.
Selbstreflexion über die Begrenztheit des Tuns und des Wissens. Und die Wertschätzung
der Deutschen für überragende Figuren wie Schmidt. Daraus könnten die
Jüngeren lernen, wenn sie es wollten. Das Gejammere über die Schnelllebigkeit der
Mediengesellschaft ist nur eine Ausrede, ein fades Alibi.

Das bleibt von Helmut Schmidt: Er war einer wie viele aus seiner Generation, die sich
skeptisch und stolz daran machten, die Nachkriegsrepublik zu begründen, nicht nur gegen
Hitler oder im Kontrast zur Weimarer Republik, sondern als Einübung in eine Demokratie
in westeuropäischer Tradition. Das macht ihm so schnell keiner nach. Und deshalb fehlt
er: als Hanseat, Ex-Kanzler, „Zeit“-Vollschreiber, als Bühnen- und Fernsehereignis, als
Dauerraucher, als Welterklärer, als Helmut Schmidt.

Als ein Vorbild für das, worauf es ankommt: Vertrauen durch Glaubwürdigkeit.

 

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Kommentare und Gedanken zum Zeitgeschehen

Auf mich kommt es an

An der Universität Lüneburg gibt es an jedem Mittwoch eine Vorlesung über ein philosophisches Thema. Sie dauert zehn Minuten. Kürze ist eine Herausforderung. Kürze und Philosophie sind eine starke Herausforderung.
„Ich bin das Ereignis“ wäre mein Thema. Denn ich bin davon fasziniert, wie häufig Menschen aus hohen Höhen in tiefe Tiefen fallen, weil sie sich mit ihrer Aufgabe, ihrer Funktion, ihrem Medium verwechseln. Sie glauben, nur sie und kein anderer seien so gut, dass sie alles erreichen und sich alles erlauben könnten.
Das neueste Beispiel ist José Mourinho, der Trainer des FC Chelsea, der sich zum Weltstar machte, egal welche Mannschaft er trainierte, und sich zum „Special One“ aufschwang. Jahrelang hatte er damit Erfolg. Er durfte die besten Mannschaften der Welt trainieren. Er war ein Wanderer, der aus Portugal kam und in Italien, England und Spannung Engagements fand. Er machte sich zur singulären Erscheinung und besaß die Deutungshoheit über das Spiel, den Schiedsrichter, die Fußballwelt. Seine Mannschaften spielen nie auffällig schön, aber immer effizient. Seine Philosophie lautet: Ich gewinne, und ihr gewinnt die großen Spiele nur dank mir. Auf mich kommt es an. Nicht auf die Spieler, den Besitzer. Auf mich, stupid!
In diesen Tagen verliert sein Klub, der FC Chelsea, Spiel auf Spiel. Die Aura ist weg. Die Spannung ist groß, wie lange er Trainer bleiben darf. Die Neider, die Gegner, die Beobachter gehen Wetten ein, wie oft er noch verlieren muss, bevor Roman Abramovich einschreitet. Auch andere Trainer haben ihren Einfluss auf ihre Mannschaft verloren, aber der Fall Mourinho bekommt durch die Selbstaoptheose exemplarischen Charakter.
Mourinho ist nur ein x-beliebiges Beispiel für riskante Selbstüberhebung. Für Mourinho kann man auch Winterkorn/Schrempp/Piech/Wulff/VW/Deutsche Bank/Siemens und all die anderen setzen, die sich für das Ereignis erachten und das große Rad drehen und an ihrer Hybris scheitern. Längst sollte es einen Klub geben, in dem sich die ehemaligen Großereignisselbstdarsteller treffen, in dem sie über die Kleindarsteller, die ihre Nachfolger sein wollen, lästern dürfen.
Hoch hinaus, tief hinunter: Letztlich läuft es darauf hinaus, was die Alten schon wussten – Hybris verursacht Nemesis. „Noch keinen sah ich glücklich enden/auf den mit übervollen Händen/die Götter ihre Gaben streun“, heisst es bei Schiller. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

4. November 2015